Management

Die Compliance-Branche boomt

Jede Essenseinladung und jeder verschenkte Kugelschreiber kann heute von Compliance-Beauftragen als Schritt in die Korruption gesehen werden. Eine Kontrollmaschinerie verwaltet den Anstand und zwingt Unternehmen eine Checklisten-Bürokratie auf, die teuer und ineffizient ist. Doch der Widerstand gegen die Scheinmoral der Sittenwächter mehrt sich. Von Piotr Dobrowolski

Die Erfahrung, dass andere Länder eben auch andere Compliance-Sitten bedeuten, haben fast alle international tätigen Manager gemacht. Deshalb meint etwa AT&S-CEO Andreas Gerstenmayer, im Großen und Ganzen eher ein Befürworter strenger Compliance-Regelungen: „Überzogen sind Compliance-Maßnahmen immer dann, wenn die Regeln derart ausgestaltet sind, dass ein freier Wettbewerb vor allem international gar nicht mehr ermöglicht wird oder wenn Manager per se kriminalisiert werden.“

Der Steirer Knill wiederum stellt in Bezug auf die Brauchbarkeit von europäisch und amerikanisch geprägten Vorstellungen schlicht und ergreifend fest: „Wenn Sie diese Maßstäbe bei Geschäften im arabischen Raum oder in den Nachfolgestaaten der Sowjetunion ansetzen, sind Sie hoffnungslos verloren, weil keiner versteht, was Sie eigentlich für ein Problem haben.“

Compliance ist ein Geschäftsmodell

Bei aller Compliance-Skepsis in der österreichischen Wirtschaft: Fakt ist, dass die Branche boomt. In Österreich gibt es nach Angaben der WKO mittlerweile 53 Unternehmen, die „Compliance“ als ihr Hauptgeschäftsfeld angeben – von Unternehmensberatern bis hin zu Seminar- und Schulungsanbietern. Zahlen über Compliance-Ausgaben in der heimischen Industrie existieren nicht – eine deutsche Studie, erstellt von der Fachzeitschrift „Manager Magazin“, gibt jedoch Hinweise: Wurden 2007 in den 100 im DAX gelisteten Unter- nehmen insgesamt 1753 Compliance-Beauftragte gezählt, so waren es im Vorjahr bereits 2978 Personen, die sich laut Eigendefinition haupt- oder nebenberuflich im Betrieb mit Governance und Compliance beschäftigten – eine Steigerung von 70 Prozent in fünf Jahren.

Fast 30 Personen pro DAX-Unternehmen, die sich mit der Administration der Anständigkeit beschäftigen? Experten halten diese Zahl sogar für zu niedrig gegriffen. Immerhin vermelden DAX-Riesen wie Siemens fast 600 Compliance-Officer (also rund 1,5 Sittenwächter pro 1000 Mitarbeiter), die Deutsche Bank 515 (5,1 Ordnungshüter pro 1000 Mitarbeiter) und sogar Unternehmen mit eher harmlosem Geschäftsmodell wie der Gasehersteller Linde beschäftigen 60 Governance-Kontrolleure (1,2 pro 1000 Mitarbeiter).

Die Zahlen dürften – mit Abstrichen aufgrund der Firmengröße – auch auf Österreich umzulegen sein. Das meint jedenfalls Tim Wybitul vom Bundesverband Deutscher Compliance Officer. Bei den Gesamtausgaben tappt allerdings auch Wybitul im Dunkeln: „Die meisten Unternehmen veröffentlichen keine Zahlen darüber, wie viel sie für Compliance ausgeben. Und wenn sie es tun, so kommt es sehr oft vor, dass die Zahlen nicht stimmen. Entweder sind sie nach oben frisiert, weil man zeigen will, wie viel man tut, oder sie sind nach unten frisiert, weil man nicht in den Ruf kommen will, irgendein Problem zu haben.“

Schwachstelle: Berater

Nutznießer des Booms dürften Berater und Ausbildner sein. „Wenn immer mehr Unternehmen Compliance-Abteilungen haben, muss es auch jemand geben, der die dazugehörigen Compliance-Officer und Compliance-Manager ausbildet. Jene, die solche Ausbildungen anbieten, sind die wahren Nutznießer des Trends“, sagt Jochen Pildner-Steinburg, Eigentümer und Geschäftsführer des Grazer Maschinenbauers GAW und steirischer IV-Präsident.

Lesen Sie weiter: "Letztes Aufbäumen des Bonuswahnsinns"

Verwandte tecfindr-Einträge