Management

Gefährliche Lebkuchenherzen

Jede Essenseinladung und jeder verschenkte Kugelschreiber kann heute von Compliance-Beauftragen als Schritt in die Korruption gesehen werden. Eine Kontrollmaschinerie verwaltet den Anstand und zwingt Unternehmen eine Checklisten-Bürokratie auf, die teuer und ineffizient ist. Doch der Widerstand gegen die Scheinmoral der Sittenwächter mehrt sich. Von Piotr Dobrowolski

Wie viele andere österreichische Manager auch hat Wolfgang Niessner, Vorstandschef des Logistikriesen Gebrüder Weiss, das bereits einige Male am eigenen Leib erfahren. „Was wir schon vor längerer Zeit zurückgefahren haben“, erzählt er, „sind Veranstaltungen mit kulturellem Rahmenprogramm. Da hatten wir früher zum Beispiel Kartenkontingente, die wir an in- und ausländische Geschäftspartner vergeben haben.“

Plötzlich, von einem Jahr aufs andere, so Niessner, gab es Signale, dass das unerwünscht ist, weil die Partner nicht in den Verdacht kommen möchten, sich „anfüttern“ zu lassen. „Da haben wir damit aufgehört: Schließlich soll so eine Einladung etwas sein, das dem Kunden Freude macht, und nicht etwas, wovor er sich fürchten muss und das ihm bürokratischen Aufwand beschert.“

Business ohne Seele?

Doch es geht noch absurder. Andreas Fill, Chef und Eigentümer des gleichnamigen oberösterreichischen Maschinenbauunternehmens, verschickt seit Jahren Lebkuchenherzen mit entsprechenden Grüßen an seine Geschäftsfreunde. Kostenpunkt: ein einstelliger Eurobetrag pro Lebkuchenherz. Einigen Compliance-Officern in den beschenkten Unternehmen ist das neuerdings dennoch zu viel. „Wir hatten schon Fälle, dass wir von den entsprechenden Firmen angerufen wurden und uns gesagt wurde, wir mögen das in Zukunft unterlassen, weil das dann als Bestechung gesehen werden könnte“, erzählt er. Die Bilanz, die der Oberösterreicher aus diesen Anrufen zieht, ist nüchtern: „Man wird eben vorsichtiger. Leider ist es so, dass die großen Korruptionsfälle aber dadurch wohl nicht unterbunden werden.“

Dass die zwischenmenschliche Komponente im Geschäftsleben durch Compliance zu Tode reglementiert werden könnte, ist eine Befürchtung, die Fill mit vielen Kollegen teilt. „Man darf ja nicht vergessen, dass Geschäfte immer noch zwischen Menschen gemacht werden“, sagt Georg Knill. „Da gehört die persönliche Beziehung auch dazu. Und es ist für diese Beziehung sicher nicht förderlich, wenn ich sagen muss: Wir können uns schon treffen, aber nur für eine halbe Stunde, und wir dürfen nichts anderes trinken als Mineralwasser.“

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