Management

Eine amerikanische Debatte

Jede Essenseinladung und jeder verschenkte Kugelschreiber kann heute von Compliance-Beauftragen als Schritt in die Korruption gesehen werden. Eine Kontrollmaschinerie verwaltet den Anstand und zwingt Unternehmen eine Checklisten-Bürokratie auf, die teuer und ineffizient ist. Doch der Widerstand gegen die Scheinmoral der Sittenwächter mehrt sich. Von Piotr Dobrowolski

Doch die Kritik geht noch viel weiter. Die angelsächsische Idee, Risiko im Unternehmen durch standardisierte Prozeduren und Verbote zu minimieren, ist längst pervertiert. Der allgemeine Mainstream zwingt Unternehmen eine aufgeblähte Compliance-Administration auf, die teuer und ineffizient ist.

Eine ständig neue potenzielle Risken identifizierende Compliance-Maschinerie drängt der Industrie eine stetig wachsende Checklisten- und Berichterstattungs-Bürokratie auf, die Kreativität und zwischenmenschliche Komponenten im Geschäftsleben behindert. Die administrierte Anständigkeit ist nichts als Scheinmoral, die wahre Schweinereien im Geschäftsleben nicht verhindert, sondern lediglich verdeckt.
 
Enron, Worldcom und die Verbotskultur

„Beim Thema Compliance habe ich oft das Gefühl, dass nur an den kleinen, unwichtigen Schrauben gedreht wird, ohne den tatsächlichen Ursachen auf den Grund zu gehen“, sagt Georg Knill, Eigentümer und CEO des Maschinenbauers Knill Technologies. Und er scheut nicht, ein überaus hartes Beispiel nachzulegen: „Was ist eines der nach wie vor florierendsten Geschäfte der Welt? Der Drogenhandel. Völlig illegal. Und trotzdem schaffen es Drogenhändler, unglaubliche Summen rund um den Globus zu verschieben. Obwohl es im Finanzbereich unzählige Governance-Maßnahmen, Compliance-Regeln und natürlich auch Gesetze gibt, die genau das verhindern sollen.“

Es ist ein US-amerikanischer Trend, der infolge der großen Bilanzskandale von Enron und Worldcom in den späten 1990er-Jahren seinen Anfang nahm – und der sich weltweit verstärkt. „Bei US-Unternehmen findet sich noch eine viel stärkere Compliance-Orientierung als bei europäischen Unternehmen“, sagt Michael Aßländer, Universitätsprofessor und Gründungsvorstand im Österreichischen Netzwerk Wirtschaftsethik. Mittels freiwilliger Verhaltensregeln (Corporate Governance) und der Kontrolle der Einhaltung derselben (Compliance) werde versucht, das Risiko von unternehmerischem Fehlverhalten zu minimieren. „Man setzt statt auf die Urteilskraft des Einzelnen auf standardisierte Prozeduren oder Verbote“, sagt Aßländer.

Eine amerikanische Debatte

Von oben verordnete, alles durchdringende Sittsamkeit – eine überaus amerikanische Vorgehensweise, wie ein Blick auf den US-amerikanischen Umgang mit Alkohol-, Zigarettenkonsum oder etwa auch Nacktheit zeigt. Amerikanisch ist die Compliance-Debatte aber auch, weil sie als Mittel zur Schadensbegrenzung für große, transnationale Konzerne angelegt ist. „Besonders großen, bürokratisch organisierten Unternehmen fällt es natürlich leichter, sich an Checklisten zu orientieren, als auf eine grundsätzliche ethische Sensibilisierung ihrer Mitarbeiter hinzuwirken“, sagt Aßländer und gibt zu, dass so mancher Punkt auf den umfangreichen Compliance-Checklisten das Geschäftsleben unnötig erschwert.

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