Übernahmen

Chinas Staatsbetriebe als Chefs: 4 Eckdaten mit Pro und Contra

Peking kämpft mit harten Bandagen für die Strategie "Made in China 2025": Dann soll die eigene Industrie in zentralen Bereichen führend sein. Dafür kaufen Chinas Betriebe in Europa gezielt die Besten ihrer Branchen auf. Panik sei nicht angebracht, sagen Experten - Jubel aber auch nicht.

Das Klima für chinesische Investoren in Deutschland wird feindlicher. Erst legt die deutsche Regierung offenbar ihr Veto gegen die Übernahme eines Herstellers von Werkzeugmaschinen ein. Dann übernimmt sie selbst einen Anteil am Netzbetreiber 50Hertz, um einem chinesischen Staatskonzern zuvorzukommen und macht "sicherheitspolitische Erwägungen" geltend.

Deutscher Unternehmensberater:
"Ich habe jeden Tag mit chinesischen Investoren zu tun."

Doch ist die Angst vor dem aufstrebenden Reich der Mitte begründet? Wie hat sich die Haltung gegenüber chinesischen Investoren verändert?

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Yi Sun von der Beratungsfirma Ernst & Young (EY) meint: "Der Gegenwind hat eindeutig zugenommen." Gerade bei Hightech-Firmen und Energieversorgern seien die politischen Widerstände groß. "Hier bedarf es eines langen Atems und intensiver Verhandlungen."

Seit der spektakulären Übernahme des Paradebetriebs Kuka und dem überraschenden Einstieg bei Daimler sind Industriebetriebe n Europa vorsichtiger geworden. In Österreich ist der Luftfahrtzulieferer FACC das wahrscheinlich bekannteste Unternehmen im Besitz eines staatlichen chinesischen Konzerns.

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Zur aktuellen Situation:
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Hintergrund:
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Maschinenbauer und Netzbetreiber in den Schlagzeilen

In Deutschland in den Schlagzeilen sind gerade der deutsche Netzbetreiber 50Hertz und der Werkzeugmaschinenhersteller Leifeld Metal Spinning - beide sind ins Visier chinesischer Investoren geraten: Erstes Veto gegen Einstieg Chinas in Stromnetz und Maschinenbau >>

"Deutsche fordern heute oft schon bei der Vertragsunterzeichnung hohe Garantien von den chinesischen Käufern", so Berater Yi Sun. Und auch Bankbürgschaften seien für chinesische Investoren deutlich schwerer zu bekommen. Dadurch verzögern sich viele Abschlüsse.

(1) Was spricht für eine staatliche Lenkung der chinesischen Investoren?

Eine Untersuchung der Bertelsmann-Stiftung ergab: Zwei Drittel aller chinesischen Beteiligungen in Deutschland in den vergangenen vier Jahren lassen sich zehn Schlüsselbranchen zuordnen, die die chinesische Führung in ihrer industriepolitischen Strategie "Made in China 2025" definiert hat.

Dazu gehören Software, Roboter, Flugzeuge, Schiffe, Züge und Autos sowie Energiesysteme, Landwirtschaftstechnik, neue Werkstoffe und Medizintechnik. In all diesen Feldern will der chinesische Staat bis 2025 weltweit Technologieführer werden. Demzufolge erscheint es logisch, dass Peking seine Unternehmen zu Beteiligungen in diesen Sektoren ermuntert.

(2) Was spricht gegen eine staatliche Lenkung?

Nach Ansicht von Thomas Heck von der Unternehmensberatung PwC lassen sich die chinesischen Beteiligungen einfach erklären: Deutsche Firmen sind in Bereichen wie Auto- und Maschinenbau, Agrartechnik und Biotechnik traditionell stark.

"Ich habe jeden Tag mit chinesischen Investoren zu tun. Diese Investoren haben in erster Linie wirtschaftliche Motive", sagt Heck. "Sie kaufen, wenn sie sich etwa einen neuen Marktzugang davon versprechen, eine starke Marke, neue Kunden oder Lieferantennetzwerke."

Außerdem haben die chinesischen Investoren teils selbst mit der eigenen Führung zu kämpfen. So verschärfte Peking die Kapitalkontrollen, weshalb die Investoren Übernahmen über Tochtergesellschaften in Hongkong abwickeln. Wie Yi Sun erklärt, ist bei einigen geplanten Beteiligungen die Finanzierung nicht zustande gekommen, da die regulatorischen Anforderungen in China verschärft wurden. Außerdem kauften die Chinesen verstärkt Konsumgüter-Marken - die gehörten früher nicht zu den klassischen Zielen.

(3) Wie haben sich die chinesischen Übernahmen entwickelt?

Die Zahl der Übernahmen und Beteiligungen chinesischer Investoren an deutschen Unternehmen haben sich EY zufolge zwischen 2010 und 2016 deutlich gesteigert - von acht auf 68. 2017 sanken sie aber auf 54 und im ersten Halbjahr 2018 betrugen sie nur 22. Zumeist übernehmen die Chinesen kleinere Unternehmen.

Betrug die gesamte Investitionssumme 2015 noch 530 Millionen Dollar, so waren es 2016 schon 12,6 Mrd. Dollar und 2017 rund 13,7 Mrd. Dollar (11,7 Mrd. Euro). Wegen des Einstiegs des chinesischen Autobauers Geely bei Daimler steckten die Investoren dieses Jahr schon 9,9 Mrd. Dollar in deutsche Unternehmen.

(4) Welche Rolle kommt den chinesischen Investoren zu?

"Zahlreiche Transaktionen betrafen auch in diesem Jahr wieder insolvente Unternehmen, für die der chinesische Investor die letzte Chance zum Überleben darstellte", erklärt Yi Sun.

Auf der anderen Seite stoßen aber auch viele deutsche Mittelständler an Wachstumsgrenzen. "Ein chinesischer Investor mit der entsprechenden Finanzkraft und Zugang zum chinesischen Absatzmarkt ist da häufig genau der richtige Partner."

Radikaler Umbau: Nicht ausgeschlossen

PwC-Berater Heck beobachtet, dass sich die Investoren nach einem Kauf in den meisten Fällen eher zurückhalten und nicht sofort alles umbauen. "Aber solche Fälle gibt es natürlich auch." (afp/apa/red)

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