Klimawandel

Chef des Weltenergierats zur Klimaerwärmung: "All diese Schritte werden nicht reichen"

Christoph Frei, Generalsekretär des einflußreichen Weltenergierats, über den Klimawandel und den notwendigen, umfassenden Umbau der Energiesysteme – und warum am Ende alle Anstrengungen trotzdem vergeblich sein könnten.

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"Wir werden ohne Zweifel riesige Fortschritte machen bei Erzeugung und Speicherbarkeit, aber diese Fortschritte werden nicht reichen. Ohne ein drastisches weltweites Umdenken sind wir als Weltenergierat nicht optimistisch."

INDUSTRIEMAGAZIN: Herr Frei, auf dem Weltenergiekongress vor zwei Jahren sagten Sie, das weltweite Energiesystem befinde sich an einem "Kipp-Punkt" – die bisherigen Geschäftsmodelle der Unternehmen könnten die aktuellen Probleme nicht lösen, die Strategien der Politik auch nicht. Sind wir inzwischen schon umgekippt?

CHRISTOPH FREI: Die Energiesysteme sind so groß, dass ein Umkippen nicht von heute auf morgen passiert. Doch auf drei Ebenen sind die Indikatoren dafür sehr eindeutig. Auf der Ebene der Märkte führen wir eine intensive Diskussion darüber, dass es neue Regularien braucht: Für die Integration der Erneuerbaren brauchen wir neue Regelleistungen, Speicher, Reservekapazitäten, doch die Anreize dafür fehlen heute weitgehend. Hier ist ein Wechsel der Regularien nötig. Zweitens rückt Resilienz massiv in den Vordergrund, weil Risiken von Extremwetterereignissen beim Zugang zu Energie oder durch Cyberattacken steigen. Vor allem droht uns drittens ein Umkippen angesichts der steigenden CO2-Emissionen. Wir stehen also vor einer dreifachen Wende. Die Klimakonferenz in Paris wird zeigen, dass die Weltgemeinschaft immer klarer erkennt, wie dringend diese Probleme sind.

Dabei sind jenseits der Politik die Erwartungen an die Pariser Konferenz überaus bescheiden...

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FREI: Es wäre naiv zu glauben, dass Paris die große Lösung bringen wird. Aber jedes Land kann dort zeigen, was es zu tun bereit ist. Und wenn man diese Zugeständnisse addiert, können wir zum ersten Mal sagen: Hier stehen wir. Das wird kaum ausreichend sein, um das Zwei-Grad-Ziel zu erreichen. Aber wir können dann zum ersten Mal die Lücke erkennen zwischen dem, was schon entschieden ist und dem, wessen es noch bedarf. Paris wird ein sehr wichtiger Schritt nach vorne sein.

Keine Wende ohne eine radikale Umkehr

Und wohin geht die globale Entwicklung? Sie messen ja in 129 Ländern die Indikatoren des Energiegeschehens und erstellen daraus recht differenzierte Prognosen.

FREI: Wir beleuchten mit unseren Energieszenarien ein Zeitfenster bis 2050. In diesen Szenarien sehen wir: Mit allen heute bekannten technischen Innovationen, allen heute als plausibel erkennbaren politischen Maßnahmen und auch den für die Zukunft anzunehmenden Lernkurven werden wir das CO2-Ziel nicht erreichen. Wir werden ohne Zweifel riesige Fortschritte machen bei Erzeugung und Speicherbarkeit, aber diese Fortschritte werden nicht reichen. In Abwesenheit eines drastischen weltweiten Umdenkens sind wir als Weltenergierat nicht optimistisch. Es ist auch ein Irrglaube, dass wir ohnedies die Emissionen senken werden. Und es ist ebenfalls ein Mythos, dass die Erneuerbaren allein den steigenden Verbrauch decken können. Mittelfristig sind viele kleine Schritte sichtbar, um die Emissionen zu senken und den Klimawandel zu stoppen. Aber in allem, was heute absehbar ist, werden all diese Schritte nicht reichen.

Wir werden also den Klimawandel nicht mehr abwenden können?

FREI: Ohne drastische Entscheidungen seitens der Politik wird das nicht gehen. Und ohne einen klaren, gerechten und sehr ambitionierten CO2-Preis auch nicht. Dazu braucht es Entschlossenheit in den Führungsetagen. Wir als Weltenergierat sprechen hier von einem Trilemma, bei dem sich die drei Hauptkräfte Soziales, Wirtschaftlichkeit und Umweltschutz gegenüberstehen: Die von der Industrie geforderte Versorgungs- und Investitionssicherheit; die von den Verbrauchern geforderte Bezahlbarkeit von Energie; und drittens Umweltverträglichkeit, die eine Senkung der Emissionen und den Erhalt lokaler Lebensräume bedeutet. Das wäre ein zentraler Teil der Lösung: wenn es gelingt, in jedem Land ein Gleichgewicht zwischen diesen drei Kräften aufrechtzuerhalten.

Wie könnte ein solches Gleichgewicht konkret aussehen?

FREI: Für den Umbau der Energiesysteme braucht es in den nächsten 20 Jahren weltweit Investitionen in einer Größenordnung von 48 Trilliarden Dollar. Zum Vergleich: Letztes Jahr betrug das Welt-BIP etwa 110 Trilliarden Dollar. Es sind also riesige Summen, die investiert werden müssen. Das Spannungsfeld tut sich auf zwischen Investoren, die langfristige Sicherheiten erwarten, und Neuerungsprozessen, die notwendig, doch oft alles andere als sicher sind. Wie eine Lösung aussehen kann, zeigt aktuell Ecuador. Jüngst sind die Einnahmen des Landes aus den Ölexporten stark gesunken, während es für Haushalte weiterhin teuer Gas importieren muss. Ecuador ist dabei ein Musterbeispiel für die Umsetzung unseres Trilemma-Konzeptes: Das Land baut jetzt Wasserkraft massiv aus, senkt die Förderung der Ölexporte und subventioniert stattdessen die Produktion von Strom, der im privaten Sektor schrittweise Gas ersetzen soll. Damit steigen sowohl die Bezahlbarkeit als auch Versorgungssicherheit und die Umweltverträglichkeit.

Das klingt perfekt, dürfte aber in größeren Ländern kaum machbar sein, etwa in China oder den USA.

FREI: China hat heute riesige Probleme mit der Verschmutzung des Wassers, des Bodens, der Luft, der Nahrungsmittel. Das hat inzwischen dramatische Größenordnungen angenommen und Peking ist sich der sozialen und ökonomischen Kosten dahinter durchaus bewusst. Wir reden ja mit der Regierung: Umweltschutz hat mittlerweile hohe Priorität. Auch in den USA werden Entscheidungen getroffen, die noch vor fünf Jahren undenkbar gewesen wären. Aber natürlich braucht es weiter enorme Anstrengungen.

Und weniger Demokratie, wie einige Manager aus Westeuropa meinen.

FREI: Das ist ein sehr heikles Thema. Wie gelingt die richtige Balance aus Mitspracherecht und den Interessen der Allgemeinheit? Darüber müssen wir nachdenken, zum Beispiel bei der Raumplanung.

In der von Deutschland angestoßenen Energiewende spielen Erneuerbare eine zentrale Rolle, Energie aus Erdgas gilt als Brückentechnologie. Doch mit den Verwerfungen am Markt geht bei der Wasserkraft, die ja in Österreich besonders stark ist, die Rentabilität massiv nach unten. Bei Gaskraftwerken genau so. Welche Schritte erwarten Sie hier?

FREI: Die deutsche Energiewende hat einen riesigen Innovationsschub ausgelöst,der weltweit Nachahmung findet. Jüngst hat das Energieministerium in Berlin das Weißbuch "Ein Strommarkt für die Energiewende" veröffentlicht, ein Entwurf für ein neues Strommarktgesetz. Diese Vorlage definiert Kapazitätsreserven, lehnt Kapazitätsmärkte ab, spricht von Bilanzkreistreue und davon, dass Regelleistungsmärkte verbessert werden müssen. Für mich sind das die Schlüsselthemen darin und die wichtigste Innovation ist die Bilanzkreistreue.

Doch für die Betreiber von Wasserkraftwerken, speziell von Pumpspeichern, gibt das Weißbuch keine zufriedenstellende Antwort. Auch bei Gaskraftwerken spricht man zwar von einer Brückentechnologie, aber was wirklich gewünscht ist, sind Leistungen zur Systemstabilisierung. Also dass Gaskraftwerke dann Strom liefern, wenn kein Wind weht und keine Sonne scheint. Und auch hier schmelzen Zeitfenster und Preisfenster. Und die gegebene Infrastruktur muss man plötzlich mit weniger Geld erneuern. Geschieht das? Das ist nicht so klar.

Keine Rede mehr von Peak Oil

Beim Thema Versorgungssicherheit stand jahrzehntelang der Ölpreis im Mittelpunkt. Heute wehrt sich die Opec mit billigem Öl recht effektiv gegen die Dominanz der USA bei der Fracking-Technologie. Wie geht es mit den Rohstoffpreisen weiter?

FREI: Ich glaube, die große Zeit der konventionellen Lagerstätten ist vorbei. Heute ist ganz klar die Erkenntnis da, dass wir große Potenziale in unkonventionellen Öl- und Gasfeldern haben. Das heißt aber nicht, dass die Bedingungen überall dieselben sind wie in den USA. In den nach Größe gleich danach gelisteten Regionen in China, Argentinien, Russland, Algerien oder Südafrika haben alle komplexere geologische Bedingungen, deutlich weniger gute technologische Infrastruktur, nicht notwendigerweise die unternehmerischen Fähigkeiten. China macht zwar Riesenfortschritte in diesem Bereich, Argentinien auch. Aber anderswo wird unkonventionelles Öl und Gas weniger günstig zu fördern sein. Doch insgesamt erwarten wir, dass der Ölpreis sich mittelfristig nach Überwindung der gegenwärtigen Tiefphase in einem Bereich von 60 bis 70 Dollar einpendelt.

Bei Gas ist der Trend ähnlich. Russland hat sich in einer Zeit teuren Öls zu Beginn der Ukrainekrise viel von der Orientierung zu China versprochen. Da aber Chinas Wachstum schwächer ausfällt als erwartet, ist auch bei Gazprom eine neue Offenheit gegenüber den Spottpreisen in Europa entstanden.

Also von Versorgungsengpässen und Peak Oil ist keine Rede mehr.

FREI: Nein. Die Situation auf dem Weltmarkt hilft dem Klimawandel nicht, das muss man ganz klar sagen. All jene, die gehofft haben, dass der Klimawandel durch Verknappung fossiler Rohstoffe gemildert werden kann, muss man schnell wecken. Das wird nicht durch die Natur geregelt, es braucht politische Maßnahmen. Das wirkliche Hauptproblem ist nicht Peak Oil, sondern Peak CO2 und Peak Climate.

INDUSTRIEMAGAZIN 11 / 2015

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