Hintergrund

Buch: Bremer Professor findet viel Lob für wirtschaftlichen Vorsprung Chinas

Wie konnte China in wenigen Jahren von einem der ärmsten Entwicklungsländer zu einem dominierenden Akteur der Weltwirtschaft werden? Das sei ganz bestimmten Faktoren geschuldet, meint Wolfram Elsner, emeritierter Professor für Volkswirtschaftslehre an der Universität Bremen in seinem Buch "Das chinesische Jahrhundert" - wo der Autor allerdings auch außergewöhnlich vieles am Reich der Mitte lobenswert findet.

Der Aufstieg der Volksrepublik China von einem der ärmsten Entwicklungsländer zu einem Land mit mittleren Pro-Kopf-Einkommen hat schon Stoff für viele Bücher geliefert. Wolfram Elsner zeigt nun mit dem Buch "Das chinesische Jahrhundert", dass im Reich der Mitte vieles ganz anders ist, als es im Westen dargestellt wird. Er lädt ein, gewohnte Denkmuster zu China zu verwerfen.

Der emeritierte Professor für Volkswirtschaftslehre an der Universität Bremen berichtet zunächst in der Einleitung, dass es lange gebraucht habe, bis sein Interesse an China geweckt worden sei. Als entscheidendes Ereignis bezeichnet er die Niederschlagung der Studentenrevolte am Tian'anmen-Platz, die ihn dazu anregt habe, darüber nachzudenken, warum die Entwicklung in China ganz anders verläuft als in den zerfallenden kommunistischen Staaten in Osteuropa.

In der Folge reist er immer öfter in das Reich der Mitte und arbeitet schließlich auch als Gastwissenschafter an der Jilin University in Changchun. So zeigt uns Elsner, dass die neue Nummer eins anders ist, wie es auch im Untertitel des Buches heißt. So listet er etwa die technologischen und infrastrukturellen Errungenschaften der Volksrepublik auf und zeigt, dass Europa mittlerweile China in vielen Bereichen hinterherhinke.

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Er erzählt, dass man in China belächelt werde, wenn man in einem Hotel einen WLAN-Code verlange, so selbstverständlich sei dort der unbegrenzte Zugang zum Internet sowohl im Privaten als auch in der Öffentlichkeit. Vom chinesischen Bahnnetz mit Bahnhöfen, die wie Airports aussehen und Zügen, die bis zu 450 km/h fahren, ganz zu schweigen. Mittlerweile kämen auch mehr als die Hälfte der weltweiten Patente aus China. 2017 seien die Hälfte aller Elektroautos in China zugelassen worden und ab 2050 sollen in China überhaupt keine Verbrennungsmotoren mehr zum Einsatz kommen.

Überhaupt zeigt er sich fasziniert davon, wie die chinesische Regierung, Probleme analysiert und diese dann löst. So dominiere die Regierung in Peking über die großen Konzerne, während dies im Westen andersrum der Fall sei. Ein westlicher China-Kenner habe gemeint, der private Sektor sei in China dazu da, dem Land zu dienen und nicht umgekehrt, schreibt der Ökonom. So scheint es in China auch die Regierungsstrategie zu geben, dass Patentschutz für die Großen zugunsten der Kleinen zu reduzieren sei, denn "Informationen müssen fließen".

Kritisch anzumerken ist, dass Elsner vielleicht etwas zu sehr relativiert, dass China eine Diktatur sei, wo durch das neue Sozialkreditsystem ein gläserner Mensch geschaffen werde. So schreibt er, Chinas Millionenstädte würden zu einem Albtraum wie anderswo werden, wenn es keine staatliche Steuerung gebe. Junge Chinesen wüssten, wie sie mittels VPN Facebook und Google nützen könnten, sie würden aber die chinesischen Alternativen bevorzugen. Das mag stimmen, doch auch wenn die US-Internetgiganten mit ihrer Regierung zusammenarbeiten, ist dies im Falle Chinas keinesfalls besser.

Auch die Repression gegen die Uiguren schwächt er ab. So seien alle Hinweise für die Internierung eines Großteils der Bevölkerung in Xinjiang auf US-Quellen zurückzuführen, die Maßnahmen Chinas hätten aber den islamistischen Terror beendet. Auch hier gibt sich Elsner handzahm gegenüber Peking, denn dass die Kritik an Chinas Politik gegenüber den Uiguren aus dem Westen kommt und nicht auch aus anderen Ländern, mag sicher auch mit Chinas großzügiger Unterstützung vieler Staaten zu tun haben. Nicht zuletzt scheiterte eine gemeinsame Verurteilung von Chinas Menschenrechtspolitik am Veto Griechenlands, dessen größter Hafen in Piräus mittlerweile in chinesischer Hand ist.

Scharfe Kritik übt Elsner unterdessen an der vom Neoliberalismus geprägten Politik westlicher Regierungen. So würden diese Zukunftsinvestitionen im Gegensatz zu China komplett unterschätzen und verzweifelt an einer schwarzen Null festhalten. Dies sei eine verzweifelte Zukunftsverweigerung. Denn die Wirtschaft sei eben ein dynamisches Kreislaufsystem und nicht ein privater Haushalt einer schwäbischen Hausfrau, so Elsner.

China verteile unterdessen nach unten und nicht nach oben, das zeige etwa das Sinken des Gini-Koeffizienten. Interessant sei auch, dass es in China kein Eigentum bei Landbesitz gibt, nur verschiedene Arten von Nutzungsrechten. Überhaupt würden Chinesen zuerst etwas tun und sich erst danach, um die Regeln und Standards kümmern. Während die Europäer zuerst Regeln aufstellten und sich dann um deren Umsetzung kümmerten, schreibt er.

Die Kommunistische Partei hat laut Elsner deutlich mehr Autorität als noch vor 15 Jahren. Dies sei vor allem auf einen erfolgreichen Kampf gegen die Korruption zurückzuführen. Chinas Außenpolitik sei auf Kooperation und Infrastrukturinvestitionen ausgerichtet und nicht auf eine Dominanz des Militärs, wie die Washingtons. Außerdem verzichte die kommunistische Führung auf einen Ideologieexport, wie seinerzeit die Sowjetunion.

Zusammenfassen kann man sagen, dass Elsner in seinem Buch dem westlichen Leser viele neue Perspektiven auf das Reich der Mitte liefert. Zweifelsohne ist die Entwicklung Chinas beeindruckend und faszinierend, die moralische Überlegenheit des Westens in vielen Fällen nicht angebracht. Dennoch muss es auch weiter möglich sein, kritisch auf manche Entwicklungen in China zu schauen, ebenso, wie undemokratische Entwicklungen im Westen zu kritisieren sind. Denn eines ist sicher, Xi Jinping ist mindestens genauso machtbewusst wie seine Amtskollegen anderswo, auch wenn China nach außen meist freundlich auftritt.

(von Martin Hanser, APA/red)