Wasserstofftechnologie

Brennstoffzellen-Hyundai Nexo im Praxistest: "Kostenführerschaft? Viel Vergnügen"

Wasserstoff-Technologie und Elektromobilität heißt auch: Alu. Weil alternative Antriebe schwer sind, muss anderswo Masse gespart werden. Für Unternehmer wie Rob van Gils, 41, der Hammerer Aluminium Industries leitet, ist das ein Glücksfall. Mit ihm fuhren wir Hyundais visionäres Wasserstoff-Fahrzeug Nexo - und haben unsere Verwunderung über die neue Technologie auch gleich in einer LinkedIn-Serie dokumentiert.

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Brennstoffzellenwagen: Rob van Gils testet den Hyundai Nexo.

Am liebsten würde man selbst einmal ein Profil pressen, wenn der große Oberösterreicher mit dem holländischen Akzent begeistert über sein Unternehmen zu sprechen beginnt. Die große Transformation des Betriebes, die Hochtechnologie, die Nachhaltigkeit des Werkstoffes, der ewig wachsende Markt des Leichtmetalls, die Veränderung der Mobilität. Rob van Gils spricht schnell und präzise, es gibt so viele Themen, die gerade wichtig sind. Und dann auch noch ein Testwagen, der auch besprochen werden möchte. Es ist ein Dilemma, man weiß nicht, wo man beginnen soll, und der Tag hat auch in Oberösterreich irgendwann ein Ende.

Rob van Gils, CEO und Miteigner von Hammerer Aluminium Industries (HAI), verkürzt zumindest das Thema Autotest recht einfach: „Ja, wir führen seit kurzem auch sehr interessante Gespräche mit koreanischen Herstellern.“ Die beinharte Kritik am Testfahrzeug wird sich also heute nicht mehr ausgehen. Dafür ist van Gils zu nahe an der Produktion von Komponenten für Elektrofahrzeuge, und zu eng ist sein Erfolg mit der Mobilitätswende verknüpft. Bisher war Aluminium im Auto eine eher teure Leichtbaulösung. Doch die teils hunderte Kilo schweren Batterien machen es notwendig, die Fahrzeuge an anderer Stelle abzuspecken. Kommt ein Verbrenner im Schnitt auf 172 Kilo Aluminium, sind es bei Batteriefahrzeugen bis zu 800. Zum Beispiel bei der Batteriewanne kommen die stranggepressten Profile von HAI zum Einsatz. Spezielles Know-how im Rührreibschweißen ermöglicht es in Ranshofen, einen ebenso leichten wie dichten Unterboden herzustellen. Rund 50 Prozent des 500-Millionen-Euro-Umsatzes macht HAI mit der Autoindustrie. Das war nicht immer so.

Aluminium-Vorbelastung

Doch der Reihe nach: Wir haben ein sehr spezielles Testfahrzeug, mit dem wir nach Ranshofen anreisen. Der Hyundai Nexo fährt mit dem Strom, den seine Brennstoffzelle produziert. Betankt wird er mit flüssigem Wasserstoff unter 700 Bar Druck an einer von derzeit fünf Tankstellen in Österreich. „Ich bin ja nicht unerfahren mit E-Fahrzeugen“, meint van Gils, „aber dieses hier hat mir noch gefehlt.“ Wir machen eine Werksbesichtigung im Schnelldurchlauf und verlassen dann das riesige AMAG-Gelände, auf dem die HAI auch ihren Sitz hat. Aluminium hat van Gils praktisch in der DNA. Sein Vater baute für Alcoa Benelux eine Recycling-Anlage auf, mit 13 erfolgte der Umzug nach Ranshofen. Das bescherte dem 41-jährigen Manager bis heute einen holländischen Einschlag seines rustikalen Dialekts.

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Er studierte in Deutschland Maschinenbau und begann dann im Alu-Werk der damals von Klaus Hammerer geführten AMAG. 2007 ging der ehemals staatliche Alu-Hersteller an Herbert Turnauers Constantia, aber Jürgen Hammerer behielt sich die Gießerei und das Strangpresswerk, die heute Kern der HAI sind.

Van Gils begleitete Hammerer auf diesem Weg und erarbeitete sich dann seine erste Unternehmensbeteiligung – beim Aufbau eines Recyclingwerkes mit Gießerei in Rumänien. Das brachte ihn vor zehn Jahren ins Spiel für die Leitung des nunmehr von Klaus Hammerers Sohn Jürgen als Eigentümer verantworteten Betriebes. „Damals gab uns der Niedergang der europäischen Solarindustrie, in die wir viel zulieferten, stark zu denken“, so van Gils. „Über Nacht brach ein großer Teil des Umsatzes ein, diese Situation wollten wir nicht wieder erleben müssen.“ Mit dem Eigentümer wurden zwei Modelle diskutiert: zum einen ein klassischer Cost-Cutting- Ansatz, den sein Mitbewerber um den Vorstandsjob vertrat. Und dann van Gils Vision, aus dem Betrieb einen Hightech-Komponenten-Fertiger zu machen. „Ich meine, wir haben viel richtig gemacht. Kostenführer in Österreich? Da wünsche ich viel Vergnügen dabei“, erzählt van Gils und tippt sich dabei an die Stirn. „Wir haben uns überlegt, dass man aus den über 70 Jahren Aluminiumkompetenz hier am Standort doch etwas anderes machen müsste.“

Jürgen Hammerer entschied sich für van Gils und dürfte es wohl nicht bereut haben – auch wenn er Geduld haben musste: „Ich sagte damals zu Jürgen Hammerer, wir werden drei bis vier Jahre zwar keinen Verlust machen, aber auch nichts verdienen. So lange benötigen wir, um das Unternehmen umzubauen.“ Der Umbau fand in allen Bereichen statt: am Firmengelände wie im Management. Vor allem aber hat sich van Gils in eine andere Zulieferliga gearbeitet: Stand man vor zehn Jahren noch hunderten Mitbewerbern bei relativ einfachen Strangpressprodukten gegenüber, sind es heute weltweit gut eine Handvoll Unternehmen, die in der Lage sind, Aluminiumkomponenten von vergleichbarer Komplexität und Qualität zu fertigen. Heuer wird der Umsatz erstmals deutlich über 500 Millionen Euro liegen – und er wird rasant weiterwachsen. Van Gils blickt einer wahren Sonderkonjunktur entgegen. „Ob künftig fünfmal oder siebenmal so viele Elektroautos wie bisher verkauft werden, ist fast schon egal. Für uns reicht es so oder so für ein zweistelliges Wachstum in den kommenden Jahren.“

Auch in anderen Segmenten wie der Elektro- und Maschinenbauindustrie oder der Bauindustrie sucht van Gils den Qualitätsraum. „Wir haben als Kunden die Premiumanbieter in ihren Branchen, die den Mehrwert unserer Produkte auch entsprechend umlegen können“, so der Manager.

Jeden Euro investiert

Inzwischen sind wir bei van Gils eigener Mobilität angelangt. Die wird künftig auch PHEV- und BEV-basiert geplant. Und natürlich darf im Management auch ein vollelektrischer Mercedes EQC nicht fehlen, denn HAI liefert den Batterierahmen nach Stuttgart und der redliche Kaufmann weiß, womit es sich geziemt, beim Kunden vorzufahren.

Van Gils Fokus bei den Investitionen in Technologie spiegelt sich auch in seiner eigenen Veranlagung wider. Er hält 17,6 Prozent Anteile am Unternehmen, die er in den kommenden zwei Jahren auf strategische 25,1 Prozent bringen möchte. „Dass ich in den vergangenen Jahren selbst auch jeden Euro wieder in die Firma gesteckt habe, hat sicherlich unterstrichen, wie sehr ich an die Strategie geglaubt habe“, sagt er heute. Ganz leicht sei es nicht gewesen, immer wieder sein ganzes Vermögen für den Anteilskauf mit einem Kredit zu belasten. Nie, so betont er, habe es strategische Entscheidungen gegeben, die nicht von beiden getragen worden wäre. „Anders wäre das auch nicht gegangen.“

Nachhaltigkeit

Wie viele Branchen hat auch die Aluminiumindustrie ihr Nachhaltigkeitsthema. Einerseits hat Aluminum den Vorteil, dass es beliebig oft und in hohem Grad recycelbar ist. Van Gils Rohstoff ist Aluminiumschrott, der in Ranshofen und Rumänien eingeschmolzen wird. Andererseits ist der Strom- und Gasverbrauch in der Produktion enorm. „Sobald sich eine ‚sauberere‘ Technologie auch nur ansatzweise rechnet, sind wir dabei“, verspricht van Gils, „aber wir brauchen auch ein Umfeld, in dem wir global gesehen wettbewerbsfähig bleiben.“ Mittlerweile fliegt er auch zwischen den Interessensvertretungen hin und her. Er ist im Executive Komitee bei European Aluminium und im Fachverband der NE-Metallindustrie. „Natürlich nimmt das viel Zeit in Anspruch“, erklärt er, „aber man kann sich nicht immer nur über Entwicklungen beschweren, die man selbst mitgestalten kann.“ Immerhin: 8000 Quadratmeter Solarzellen decken drei Prozent des Energiebedarfs seines Betriebs. Für die frisch montierten Ladestationen für die neuen Elektrofahrzeuge wird es allemal reichen. Neben die stellen wir den Nexo ab und laden van Gils zu einem Fazit ein: „Der Wagen hat ein gutes Fahrverhalten und ist sehr solide gemacht – den gleichen Punch wie ein reines Elektroauto hat er freilich nicht.“ Bei den Marktchancen hat van Gils seine Zweifel. „Ich glaube, der Wasserstoffantrieb spricht momentan noch eine kleine Klientel an und wird sich eher im Nutzfahrzeugbereich und der Schiene durchsetzen.“ Aber eines scheint ihm sicher: Falls er sich durchsetzt, wird es für die Aluminiumproduktion kein Schaden sein.

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