Experten-Blog

Fahrtbericht

BMW i3s: Elektrisch von Wien nach Leipzig

Zugegeben, mit dem neuen i3s e-drive voll elektrisch von Wien in dessen Geburtsstadt Leipzig zu fahren, war eine ambitionierte Idee. Das Fahrtenbuch eines - durchaus nicht am i3s - gescheiterten Versuchs.

Kapitel 1: Jedes Abenteuer beginnt mit einer guten Planung.

Abkürzen, sich den Weg mit dem geringsten Wiederstand zu suchen, liegt in der Natur des Menschen. Die doch recht geringe Reichweite des i3s im Hinterkopf - BMW gibt sie mit maximal 280 Kilometern an - liegt die kürzeste Strecke also auch dem Elektro-BMW gewissermaßen in der Natur. Ungünstig nur, wenn ausgerechnet auf der rund 200 Kilometer kürzeren Strecke über Prag kaum Ladestationen am Weg zu finden sind. Mithilfe der BMW-eigenen Ladestationen-App ChargeNow, dem Kartendienst Google-Maps und dem i3-Navigationssystem beginnt die Routenplanung: Auch die beiden direkten Wege über Brünn oder Znaim scheiden aus – keine einzige Schnellladestation und damit mit dem neuen i3s ohne zusätzlichen Range-Extender, ein kleiner Otto-Motor, der die Reichweite erhöht, ein unmögliches Unterfangen. Mit einem Umweg über die grenznah gelegene Stadt Heidenreichstein könnte sich – äußerst knapp – die tschechische Hauptstadt mit einigen wenigen Ladesäulen ausgehen. Ich schwanke. Das Risiko, irgendwo in der tschechischen Einöde und meilenweit von der nächsten Strom-Tanke entfernt mit leerem Akku stehen zu bleiben ist mir dann aber doch zu hoch. Ich entscheide mich für den langen Weg über Linz und Passau -  und plane ausreichend Zeit ein.

Kapitel 2: Die Entdeckung der Langsamkeit.

Die Bedingungen am Tag der Reise sind für die Reichweite des i3s ideal: Knapp 20 Grad, kaum Wind, eine einfache Topographie. Die Route entlang der Donau noch dazu wunderschön. Der erste Stopp in Linz in 220 Kilometern geht auch laut Reichweitenmessung des i3-Navigationssystems klar – zumindest vorerst schimpft der Stromer nicht über die Länge der Teilstrecke. Gestartet wird der i3 wie gehabt über die etwas klobige Steuerungseinheit am Lenkrad. Lediglich ein kleiner Signalton verrät die Einsatzbereitschaft. Geräuschlos und kräftig fährt der i3s selbst im Comfort-Modus an.  

Einer der ersten sonnigen Tage im März lockt zahlreiche Radfahrer und Spaziergänger an die glitzernde Donau. Ich lasse mich anstecken und habe es heute nicht eilig. Gemütlich rolle ich über die Landstraße zwischen Klosterneuburg und Krems – und ziehe jede Mange Blicke an. Dabei gibt es gegenüber dem Vorgängermodell optisch nur geringfügige Veränderungen. Die neugestaltete Stoßstange soll das recht hochbeinige Fahrzeug breiter wirken lassen, die runden Fernlichter wurden gegen horizontal verlaufende LED-Blinker ersetzt, ein paar Zierleisten, neue Lackierungen und breitere Felgen machen den i3 maskuliner.

Eigentliche Neuerung: Das s im Namen und die zusätzlichen PS unter der Haube. „Maximal sportlich, maximal elektrisierend“ verspricht BMW. Schaltet man in den Sportmodus kommt der BMW ans Licht: Innerhalb von 3,7 Sekunden gelingt der Sprint auf 60 km/h. Die Lenkung ist straff und präzise, die Gasannahme sehr direkt. Der i3s kann auf ein Drehmoment von 270 Newtonmeter und 184 PS zurückgreifen. 

Mittlerweile bin ich kurz vor Enns – und das Spiel mit der Geschwindigkeit hat mich reichlich Reichweite gekostet. Mein Navi meldet sich: Ich muss Strom tanken – nach knapp 190 Kilometern Fahrt.

An den Bürgermeister von Enns: Herr Karlinger, die Idee der Ladesäule direkt am Hauptplatz von Enns ist großartig. Aber denken Sie doch bei Gelegenheit mal über eine Schnellladesäule nach.

Kapitel 3: Das war knapp!

Früher als gedacht suche ich im Navigationssystem des i3 nach Lademöglichkeiten und finde eine, ganz nach meinem Geschmack, nur wenige Kilometer entfernt. Und es könnte so schön sein: Ich stehe im Enns am Hauptplatz. Die Sonne scheint, es ist warm, die Gastgärten sind voll mit Menschen. Ich freue mich auf einen Kaffee, während mein Auto in 32 Minuten geladen sein wird – so zumindest die offizielle Angabe von BMW. Ich packe die Kabel aus, verbinde das eine Ende mit dem Fahrzeug, krame meine ChargeNow-Ladekarte hervor, öffne die Lade-Dose der Säule - und bin überrascht. Die im Navigationssystem vorgeschlagene Ladesäule entpuppt sich als einfache Haushaltssteckdose. Etwas irritiert verbinde ich das andere Ende des Kabels mit der Steckdose und warte darauf, dass Strom fließt. Die gute Nachricht zuerst: es fließt Strom. Die Innenseite des Tankdeckels blinkt blau und verrät, der Ladevorgang ist aktiv. Die Schlechte: meine 32-minütige Kaffeepause dehnt sich geringfügig aus – auf knapp 6 Stunden.

Da ich – das Ziel Leipzig in Gedanken – noch rund 580 Kilometer vor mir habe, entscheide ich mich schließlich gegen den Ladevorgang, suche eine Schnellladestation in der Nähe und verstaue alle Kabel wieder im Kofferraum – der mit 260 Litern dann doch größer ausfällt, als ursprünglich erwartet. Das Navi rät mir zu einer Ladestation an der Universität in Linz – knapp 31 Kilometer vom derzeitigen Standort in Enns entfernt. Soweit, so gut – wäre da nicht die Reichweite. Schon nach wenigen Kilometern schimpft mein Navi erneut. Die gewünschte Ladesäule ist außerhalb meines Bewegungsradius, der auf schwache 25 Kilometer zusammengeschmolzen ist. Alternativlos – am Weg befindet sich keine andere E-Tanke – fahre ich in Richtung Linz. Wie auf Kohlen und mit maximal 50 km/h schleiche ich über die Landstraße. Während sich die Distanz zum Ziel verringert, bleibt die Reichweite des i3 konstant. Noch 20 Kilometer zum Ziel – bei exakt gleicher Fahrzeug-Reichweite. Jetzt nur nicht verfahren!

Wenige hundert Meter vor dem ersten Ziel in Linz ertönt ein Alarmsignal: Damit die Batterie keinen Schaden nimmt, soll sofort Strom fließen. Geschafft! Die Schnellladesäule ist frei, die Ladekabel verbunden und der i3 in rund 80 Minuten vollständig geladen. Den nun folgenden Kaffee habe ich mir verdient!

Das war knapp: Wenige hundert Meter vor der Ladestation in Linz ertönt ein Alarmsignal. Damit die Batterie keinen Schaden nimmt, soll sofort Strom fließen

Kapitel 4: Ich halte durch!

Zurück an der blauen Donau auf der Nibelungen Straße zwischen Linz und der Grenze sind die Sorgen von eben fast vergessen: weite Auen, tiefe Täler und wunderschöne Flussmäander am Weg entschädigen für die deutlich längere Fahrt. Im Eco+ Modus riegelt der i3 bei 90 km/h automatisch ab und spart dadurch zusätzlich Strom. Knapp 220 Kilometer kann die Fahrt nun gehen – nicht ganz bis Regensburg aber immerhin bis zur nächsten Schnellladestation sollte ich kommen. Knapp sieben Stunden bin ich bisher unterwegs. Es geht weiter über die österreichisch-deutsche Grenze, durch das wunderschöne Passau auf die Autobahn: Das Sportmodell leistet dank seiner modifizierten Motorsteuerung 14 PS mehr als der herkömmliche i3. Der Sprint von 0 auf 100 km/h gelingt in knapp 7 Sekunden. Damit muss sich der Elektro-BMW auch auf der deutschen Autobahn nicht hintenanstellen. Seine doch beachtliche Kraft bezieht der i3 aus einer 94 Ah Hochvoltbatterie. Das Intermezzo auf der A3 zwischen Passau und Regensburg bleibt dennoch nur von kurzer Dauer. Bei Deggendorf meldet sich mein i3 und ruft nach einer Strom-Pause. Bei einer Geschwindigkeit jenseits der 100 km/h reduziert sich die Reichweite des i3s deutlich.

Kapitel 5: Ich kapituliere!

Angepeilt wird ein kleines Dorf im idyllischen Niederbayern. In der Schulstraße soll es hier eine Schnellladestation geben. Per Tastendruck übernimmt das Navigationssystem die Schulstraße als neues Ziel und führt mich durch alte Alleen direkt zur Ladestation. Naja, fast bis zur Ladestation... Im Dorf findet heute eine historische Traktorschau statt. Bei tollem Wetter und zahlreichen Gästen ist das Dorf komplett abgeriegelt. Kein Durchkommen – zumal der E-Parkplatz, so ein Ordner, mit allerlei historischem Gerät zugestellt ist. Ich bin seit rund 9 Stunden unterwegs. Mein Ziel, Leipzig in 12 Stunden zu erreichen rückt in weite Ferne, angesichts der verbleibenden 420 Kilometer. Es duftet nach Sommer (und Diesel aufgrund der vielen Traktoren) und eine ältere Frau verkauft Eis am Straßenrand. Ich kaufe eines und entscheide noch ein bisschen zu bleiben, bevor ich die Heimreise antrete...

Addendum: Was am Ende bleibt

Das gute Gefühl: Knapp 700 Kilometer durch Europa fahren, ohne ein einziges Gramm CO2 während der Fahrt zu erzeugen. Bei einem CO2-Verbrauch von 150 g/km hätte der 1er BMW  knapp 100 Kilogramm reinstes Kohlendioxid in die Umwelt geblasen.

Die Erkenntnis: Es gibt zu wenige Schnellladestationen in Österreich. Für einen Zwischenstopp ist eine Ladedauer von mehr als 40 Minuten nicht akzeptabel. Die Stadt Enns hat mit ihrer Ladestation direkt im Zentrum einen guten Anfang gemacht – jetzt müssen Schnellladestationen folgen. Auch an den Autobahnen muss Ladeinfrastruktur noch immer gesucht werden. Warum gibt es nicht an jeder Autobahn eine Schnellladestation?

Spaß: Der i3s ist ein tolles Gefährt! Langstreckentauglich ist es zwar nur bedingt, für den Alltag allerdings eine wahre Alternative. Mein Tipp: Ein Range-Extender sollte dennoch an Board sein, um nicht gänzlich von der mangelhaften Ladeinfrastruktur anhängig zu sein.

Der BMW i3s:

Motor:                                    Synchron-Elektromotor

Batterie:                                 Lithium-Ionen

Batteriekapazität:                  33,2 kWh

Spitzenleistung (PS):              184

Max. Drehmoment:                270 Nm

Getriebe:                                Einstufengetriebe

Antrieb:                                  Hinterradantrieb

Co2-Ausstoß:                          0 g/km

Verbrauch (kombiniert):        14,3 kWh

Grundpreis:                            ab 42.050 Euro