Digitalisierung

Zweite Frage: Die Geschwindigkeit - und zwei "Motoren" als Antwort

Österreichs Industriebetriebe lassen den anarchischen Exoten Bitcoin links liegen und bauen sich maßgeschneiderte Blockchains selbst. Die Vielfalt der laufenden Projekte ist riesig – dabei kommt es nur auf wenige Parameter an, damit eine Blockchain wirklich passt. INDUSTRIEMAGAZIN nennt die wichtigsten.

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Die zweite Frage in der Architektur einer Blockchain: Wie schnell soll sie sein? Das ist der wohl wichtigste Aspekt für Anwendungen in der Industrie, im Rohstoffhandel oder auch in der Finanzwelt. Ein Beispiel: Bitcoin kann derzeit maximal sieben Transaktionen pro Sekunde bewältigen. Microsofts neue, gezielt für die Industrie konstruierte Anwendung „Coco“, die auf der Blockchain Ethereum basiert, verspricht 1.600 Transaktionen pro Sekunde. Ein Netzwerk wie Visa bewältigt allerdings 15 Mal so viel. Auch im Intraday-Handel an einer Energiebörse käme man heute mit großen Datenketten nicht weit.

Die Antwort auf diese Frage liefert der „Motor“ der Blockchain – ein Konsensmechanismus, der entscheidet, wie die Blöcke gebaut werden. „Die gesamte Blockchain-Forschung dreht sich im Moment um den richtigen Konsensmechanismus“, sagt Christoph Märk, Leiter für Prozessmanagement beim Vorarlberger Versorger Illwerke VKW. Zwei dieser „Motoren“ kommen heute besonders oft zum Einsatz: Proof of Work und Proof of Authority.

Proof of Work (PoW): Breite Aufstellung, enormer Aufwand

Proof of Work (PoW) entstammt von Bitcoin und ist das am häufigsten benutzte Konzept: Algorithmen verschlüsseln jeden neu gebildeten Block, Rechnerknoten dechiffrieren das und fügen den Block in die Kette ein. Der Vorteil von PoW: Es können viele mitmachen und die Sicherheit ist trotzdem sehr hoch. Der Nachteil ist der enorme Aufwand.

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Beispiel Gridchain

Wie man das trotzdem in Richtung Industriereife bewegt, zeigt ein anderes Beispiel aus Österreich: Gridchain. Neun heimische Verteilnetzbetreiber spielen hier gemeinsam mit dem Fachverband Oesterreichs Energie durch, wie über die Blockchain Transaktionen zwischen Kraftwerken, Anlagen und Industriekunden laufen können – als Simulation, aber mit Echtdaten, wie Christoph Märk betont. Die Architektur dieser Kette ist PoW, doch der Zugang streng limitiert, und so ist diese Blockchain schnell genug für die Energiewirtschaft. Die Kommunikation findet nach dem 1:n-Prinzip statt: Alle haben zeitgleich alle Informationen. Im nächsten Schritt wollen einige der Netzbetreiber die Kette noch heuer an das jeweilige Live-System anbinden. Aber auch sie geben zu, dass bis zur Markteinführung noch Jahre vergehen werden.

Proof of Authority (PoA): Schnell und schlank

Ein ganz anderes, schlankes neues Konzept ist dagegen Proof of Authority (PoA). Hier ist keine enorme Rechenleistung nötig, weil es gar kein „Schürfen“ neuer Blöcke gibt. Statt dessen läuft jede Transaktion von Teilnehmer A zu B über eine „Autorität“ im System, die als einzige Blöcke schreiben darf, alle Teilnehmer kennt und die Transaktion mit einem kodierten Schlüssel freigibt. So arbeitet PoA sehr schnell und effizient – ist aber eben nicht für die halbe Welt zugänglich.

Premiumprojekt Enerchain

Eine schnelle Blockchain, exklusiv wie ein Golfklub: Wie das aussieht, zeigt ein echtes Großprojekt namens Enerchain, das die Hamburger Softwarefirma Ponton initiiert hat. Enerchain ist angetreten, um im Energiegroßhandel eine dezentrale und sichere Plattform zu sein, die ohne Instanz in der Mitte auskommt. Für die überprüfte Teilnahme sorgt ein Konsortium-Zugang, genug Schnelligkeit verspricht die Architektur von PoA. Und offenbar überzeugt dieses Konzept: Wie es heißt, gilt Enerchain als die am weitesten fortgeschrittene Blockchain im Energiegroßhandel. Inzwischen machen rund 50 der namhaftesten Energiekonzerne Europas mit, darunter Stromriesen wie Eon, RWE und EdF oder Ölmultis wie Total und Statoil mit. Österreich ist mit Verbund, der OMV sowie den Versorgern Salzburg AG, Energie AG und Wien Energie besonders stark vertreten.

Erster Schritt ist getan

Die Zielgruppe seien alle, die mit großen Energiemengen handeln, so Michael Schramel, Projektleiter beim Verbund: „Mit einem System wie Enerchain fallen Gebühren für Intermediäre weg, Eingabefehler verschwinden, man braucht weniger Mitarbeiter, die am Telefon sitzen – es geht hier um Millionenbeträge pro Teilnehmer.“ Vielleicht noch wichtiger sei die Skalierbarkeit des Systems, so Schramel: „Die Blockchain ermöglicht sehr preiswert auch den Handel mit kleinsten Energiemengen, so dass in Zukunft auch KMU einsteigen könnten, zum Beispiel über einen Handelsroboter.“

Bis dahin wartet auch bei Enerchain ein langer und schwieriger Weg. Aber auch bei diesem Projekt ist 2018 der allererste Schritt von Österreichern in die Praxis bereits erfolgt. Heuer auf der großen Energiemesse E-World in Deutschland demonstrierte der Verbund mit seinem Partner Salzburg AG und die oberösterreichische EAG mit den Stadtwerken Leipzig den staunenden Besuchern, wie über Enerchain die Strommenge eines Tages oder eines ganzen Monats den Besitzer wechselt – vollkommen digitalisiert.

Dieser Artikel ist zuerst erschienen in INDUSTRIEMAGAZIN 26.06.2018

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