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IM-Expertenpool: Blockchain

Blockchain: It is trust, that makes the world go round"

Die Blockchain wird unsere gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Hierarchien einfach auf den Kopf stellen. Eine nicht gerade kleinmütige Ankündigung. Wird sie sich durchsetzen oder erleben wir einen simplen Technologie-Hype?

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Zweifellos wird die Blockchain-Technologie (BT) für Transaktionen die gleiche Bedeutung bekommen, die das Internet für die Kommunikation erlangte. Eine Basistechnologie, die viel von dem was wir gegenwärtig unter Gewissheit verstehen, einfach hinwegfegen wird. Die BT hat ein starkes Narrativ, vergleichbar mit der Anarchistensaga des frühen Internet. Will man über die Grenzen des aktuellen Hypes hinausblicken, ist das ein wichtiger Indikator. Zusätzlich sollte man sich die Frage stellen, welche fundamentalen Kosten die BT reduzieren wird. Nähert man sich mit dieser Fragestellung, lassen sich Möglichkeiten und Chancen der Technologie deutlicher darstellen. Ein Ausgangspunkt ist die Schwäche bestehender Institutionen: Sie sind immer zentralisiert und kostenintensiv, ohne in vielen Fällen die erforderlichen Innovationen oder Regulierungen durchsetzen zu können. Wenn also Institutionen die verfügbaren Ressourcen binden, aber nicht die erforderlichen Regulierungen durchsetzen können, scheint eine neue "institutionelle Technologie" wie die BT, die neue Formen von Verträgen und Institutionen ermöglicht, die richtige Stoßrichtung zu sein.

Funktionsweise

Die BT ist im Grunde wie eine Aneinanderreihung von Kassenbuch-Seiten zu verstehen. Jeder Block ist dabei eine Seite dieses Kassabuches, auf der die Transaktionen eines bestimmten Zeitraumes festgehalten werden. Wird eine Transaktion angefragt, wird diese geprüft. Im Fall, dass sie wird als richtig definiert wird, erfolgt ihre Speicherung auf allen im Netzwerk beteiligten Rechnern. Eine Anzahl solcher Transaktionen wird dann zu einem Block zusammengefügt, und dieser wird an einen vorangegangenen Block angehängt. Jeder Block ist so aufgebaut, dass er an den Vorgänger-Block anknüpft und dabei wird er auch verschlüsselt. So lässt sich eine unendlich lange Kette von Blöcken bilden, wobei von jedem Einzelnen aus, die gesamte Kette nachvollziehbar ist.

Hier steckt die Innovation der BT: mit dieser Technologie ist es möglich, ein für alle transparentes "Kassenbuch" zu schaffen. Es sind alle Transaktionen für alle Beteiligten sichtbar und alle Vorgänge werden gleichzeitig auf unzähligen Rechnern global festgehalten. Manipulation wird damit ausgeschlossen.

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Andererseits ist der Sicherheitsaspekt entscheidend: Die Tatsache, dass sämtliche Vorgänge auf unzähligen Rechnern global gespeichert werden, legt nahe, dass ein Hacker-Angriff auf einzelne Rechner das System kaum ins Wanken bringt. Ein weiterer Sicherheitsaspekt liegt darin, dass jeder Block seine Vorgeschichte mit sich herumträgt, und bis zum Anfang der Kette nachvollziehbar ist. Manipulationsversuche müssten also die gesamte Geschichte umfassen, was reichlich unwahrscheinlich ist, auch aufgrund der Tatsache, dass diese millionenfach gespeichert ist.

Dezentralisierung und Vertrauen

BT steht für "Dezentralisierung" und "Vertrauen" - zweifellos zwei Themenstränge, die in der internationalen Debatte hohe Relevanz erlangt haben.  Die "Dezentralisierung" ist dabei in ihrer vollen thematischen Breite zu verstehen: als geographische Regionalisierung, als Gegenströmung zu einer bisher in Richtung Zentrum gerichteten Globalisierung. Das bedeutet die verbesserte Integrationsmöglichkeit von emerging markets in den internationalen Zahlungsverkehr und die Optimierung von globalem Supply-Chain-Management.

"Dezentralisierung" von Macht aber auch im Hinblick darauf, dass Blockchain-Applikationen die Defizite basisdemokratischer Ansätze reduzieren können, die in der Regel an ihrer Langsamkeit und Ineffizienz scheitern.  

BT könnte die Transaktionskosten von Arbeitsprozessen außerdem so weit senken, dass die Kooperation zwischen Individuen effizienter wird, als über unternehmerische Strukturen. Dadurch würde eine völlig neue Form der Regulierung zwischen Dienstleistungsangebot und deren Nachfrage entstehen, die bisherige Diskussionen über Veränderungen am "digitalen Arbeitsmarkt" als nebensächlich erscheinen ließen.

Der zweite wichtige Begriff ist das "Vertrauen". "It is trust, more than money, that makes the world go around "  schrieb der Ökonom Joseph Stiglitz. Vertrauen ist in jeder Transaktion erforderlich. Der Soziologe James Coleman definiert Vertrauen "als Absicht zu einem gemeinsamen Vorhaben beizutragen, ohne vorher zu wissen, wie die andere Person sich verhalten wird." Transparenz und die Frage nach der Wahrheit sind komplementäre Charakteristika von Vertrauen. Transparenz stellt die Frage nach der Nachvollziehbarkeit. Die Frage, die hinter "Wahrheit" steht, ist: Können wir es verifizieren?  Die BT ist dabei als eine Entflechtung von bisher notwendigen Vertrauensbeziehungen zu betrachten. Damit wird die Rolle von klassischen Intermediären (z.B. Banken) in machen Fällen geschwächt. Letztlich wird aber nur das Vertrauen in den Intermediär durch das Vertrauen in Codes und die vorhandenen Konsensus-Regeln ersetzt.

Abschließend

Die BT ist momentan, bezogen auf den Produkt-Lebens-Zyklus, in der "Hype"-Phase zu verorten - mit der Perspektive einer produktiven Marktreife von fünf bis zehn Jahren. Diese anfängliche Hype-Phase mit meist völlig überzogenen Erwartungen ist in der Entwicklung neuer Technologien oft gesehen; etwa vergleichbar mit der frühen Anarchistensaga des Internet. Like it´s 1994. Das unerfreuliche ist, dass wir die Frage nach der Gültigkeit von Analogien zur Entwicklung des Internet, die bei sämtlichen Prognosen mitgedacht werden, erst danach beantworten werden können.

Bernhard Seyringer ist Foresight Analyst und leitet den Think Tank MRV RESEARCH.