Pharmaindustrie

Bittere Pille

Billig-Generika und hohe Forschungskosten setzen der pharmazeutischen Industrie zu. Österreichs Hersteller schlagen sich erstaunlich gut - sie sind ertragreicher als die letzten Jahre.

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In ihrer Dynamik lässt die Pharmaindustrie viele andere Branchen weit hinter sich. Lange und extrem kostenintensive Forschung an neuen Medikamenten prägt hier das Geschehen. Wenn es schief geht, kann es das Aus für eine Firma bedeuten. Geht alles gut, winken am Ende sehr hohe Gewinne. Das demonstriert gerade der Aspirin-Hersteller Bayer. Allein fünf neue Medikamente bescherten dem Chemieriesen im Vorjahr einen Umsatz von 2,9 Milliarden Euro. In der Spitze könnten allein diese Präparate pro Jahr mehr als 7,5 Milliarden Umsatz generieren, meinte Konzernchef Marijn Dekkers vor wenigen Tagen. Diese Dynamik kommt nicht von ungefähr. „Hier wird viel investiert und auch viel riskiert“, sagt Martin Gleitsmann, Leiter der Abteilung Gesundheitspolitik in der WKÖ, und verweist auf die überdurchschnittliche Forschungsquote der Pharmabranche. Demnach gibt die Branche in Österreich 8,2 Prozent des Umsatzes für Forschung und Entwicklung aus. In Europa liegt dieser Wert bei 14,4 Prozent. Dagegen beträgt der Durchschnitt der Industrie in Europa magere 3,2 Prozent.

Das spiegelt sich auch in der Beschäftigtenzahl wider. 25.000 Menschen arbeiten in Österreich in der Pharma- und Biotechindustrie, und der langfristige Trend zeigt eindeutig nach oben. Laut Statistik Austria ist die Anzahl der Beschäftigten zwischen 2008 und 2012 um 15,8 Prozent gestiegen – viele davon hoch qualifizierte Arbeitsplätze. Allein in Wien gebe es rund 400 Biotech- und Med-Tech-Unternehmen mit mehr als 20.000 Mitarbeitern, so Elisabeth Prchla, Geschäftsführerin von Merck Austria, bei einer Fachveranstaltung vor wenigen Wochen in Wien. Merck, übrigens das älteste pharmazeutische Unternehmen der Welt, baut gerade seinen Produktionsstandort in Spittal aus. Nach Zahlen des Fachverbands Pharmig werden in Österreich pro Jahr Arzneien im Wert von 2,69 Milliarden Euro hergestellt, hier gab es zuletzt ein Plus von sechs Prozent. Produktion, Importe und Exporte von Arzneimitteln steigen kontinuierlich an, berichtet die Pharmig – unter dem Strich liegen die Ausfuhren um zwölf Prozent über den Einfuhren. Und als Netto-Exporteur spürt die heimische Pharmaindustrie unmittelbar die großen Trends am globalen Markt: Eine milliardenschwere Fusionswelle und massive geopolitische Verwerfungen.

Patente laufen aus

Das zeigt gerade das Beispiel von Sanochemia. Jahrelang verbuchte der Wiener Hersteller in den Schwellenmärkten zweistellige Wachstumsraten, doch im Vorjahr stieg der Verlust auf 3,4 Millionen Euro. „Unsere starken nordafrikanischen Abnahmeländer sind heute eine latente Katastrophe“, meint dazu Konzernchef Werner Frantsits. Auch im Nahen Osten und in Russland seien die Einnahmen eingebrochen. Derzeit gebe es auf der Welt nur drei stabile Pharmamärkte, so Frantsits – Europa, Japan und die USA. Entsprechend will sich Sanochemia heuer verstärkt dem nordamerikanischen Markt widmen. Doch auch die vermeintlich stabilen Regionen bleiben dynamisch. Über die Pharmaindustrie rollt weltweit eine Fusionswelle, die im Vorjahr neue Rekordhöhen erreicht hat. Laut einer Studie von Ernst & Young betrug der Wert aller Transaktionen 2014 umgerechnet 192 Milliarden Euro, also ein Anstieg von 150 Prozent innerhalb eines Jahres. An vier der zehn größten Deals waren im Vorjahr Schweizer Unternehmen beteiligt. Die zwei größten Übernahmen tätigte allerdings der US-Pharmariese Actavis mit den Kauf von Allergan für 66,4 Milliarden Dollar und Forest Laboratories für 23,6 Milliarden Dollar. Der Grund dieser Fusionswelle: Hohe Forschungskosten und der Ablauf zahlreicher Patente auf lukrative Medikamente. Heuer werden jedenfalls neue Rekordwerte erwartet – die Kriegskassen der Industrie sind prall gefüllt. Nach Berechnungen von Ernst & Young betragen die potenziell für neue Übernahmen vorhandenen Mittel sagenhafte 1,260 Billionen Dollar.

Arzneimittelmarkt im Umbruch

Das Klagelied über die immer weiter steigenden Forschungskosten wollen Kritiker deshalb nicht nachvollziehen. Diesen Winter erschütterte ein europaweiter Skandal um Generika das Gesundheitswesen: Bei einem von den Dienstleistern in Indien, die aus Kostengründen immer häufiger von Herstellern beauftragt werden, hat die europäische Behörde EMA „gravierende Mängel“ festgestellt. Daraufhin verhängte die Industrie im Dezember einen „freiwilligen“ Lieferstopp über rund 700 Präparate. Auch bei den Preisen gibt es immer wieder Kritik. So prüft Berlin gerade eine gesetzliche Neuregelung des Arzneimittelmarkts. Der Vorwurf: Unternehmen würden zu oft die gesetzliche Frist einer freien Preisgestaltung im ersten Jahr voll ausnutzen, um dann ein Jahr darauf wieder ein neues, nur leicht verändertes Präparat auf den Markt zu bringen. Und in Österreich wurde im April eine brisante Studie im Auftrag des Gesundheitsministeriums publik. Wie die „Presse“ berichtet, liegen die Preise von
30 ausgewählten Arzneimitteln hierzulande im europäischen Vergleich an dritter Stelle. Die Pharmig weist diese Studie zurück: Bei über 10.000 Medikamenten auf dem heimischen Markt sei es unseriös, 30 herauszunehmen. Zusätzlich seien auch die hohen Abgaben und Kosten hierzulande ein entscheidender Faktor.

Doch abseits von „Big Pharma“ konzentrieren sich viele Firmen auch und gerade in Österreich weiter auf ihre ureigenste Aufgabe – neue Hilfsmittel im Kampf gegen Krankheiten zu finden. Ein Beispiel dafür ist das Zentrum CBMed in Graz, das 2015 Forschungen im Bereich der individualisierten Medizin aufgenommen hat. 13 der insgesamt 25 Millionen Euro an Forschungsgeldern für CBMed kommen von der heimischen Pharmaindustrie.

Die Vielforscher - die heimische Pharmaindustrie in Zahlen

Unternehmen: 288 im Bereich Pharma und Biotechnologie
Beschäftigte: 25.190
Jahresumsatz: 10,33 Milliarden Euro
Forschungsquote in Österreich: 8,2 Prozent
Forschungsquote Industrie EU gesamt: 3,2 Prozent

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