Experten-Blog

IM-Expertenpool: Blockchain

Bitcoin & Blockchain: Wenn das Ei vor dem Huhn kommt

Seit mehreren Jahren experimentieren die Finanzwelt und diverse andere Organisationen mit den vielschichtigen Möglichkeiten von Blockchain und Bitcoin. Bleibt es nur ein Hype, und wenn nein, was kommt danach?

Blockchain Bitcoin IM-Expertenpool Blog Horvath & Partners

Hat die Blockchain-Technologie die Kraft, ganze Branchen und Geschäftsfelder zu revolutionieren? Oder ist es lediglich ein LIVE-Test, ins Leben gerufen kurz nach der großen Finanzkrise im Jahr 2008, mit dem Ziel digitales Bargeld möglich zu machen und auf Banken und andere Intermediäre (Vermittler) verzichten zu können? Tatsache ist, dass die Entwicklungen rasant an Fahrt aufnehmen. Immer mehr Unternehmen und Forschungseinrichtungen beschäftigen sich mit dem Blockchain-Thema und nehmen Investitionskapital in die Hand. Sie wollen den Anschluss an eine der größten Innovationen unserer Zeit nicht verlieren.  Jedoch lässt sich noch nicht konkret voraussagen, welche Richtung diese Entwicklung nehmen wird. Im Gegensatz zu Produkten und Innovationen von klassischen Unternehmen gibt es hier keine zentrale Instanz, die Pressekonferenzen gibt oder Jahresberichte veröffentlicht. Zum Teil konträre Geschehnisse müssen abgewogen werden, um zu entscheiden, ob man dem Trend folgt und investiert oder doch erstmal „abwartet“. 

So verzeichnete der Wechselkurs Bitcoin–US-Dollar in den letzten drei Jahren eine Steigerung von rund 700 Prozent, ein Bitcoin ist derzeit knapp 7.100 Euro wert. Auf der anderen Seite steht die Blockchain im kürzlich erschienen „Hype Cycle for Emerging Technologies 2017“ von Gartner bereits im Tal der Desillusionierung. Bis sich der Trend etablieren und Produktivität erreicht wird, können gemäß der Studie noch fünf bis zehn Jahre vergehen. Dieser Beitrag beschreibt zunächst die unterschiedlichen Einsatzmöglichkeiten und wirft dann Fragen auf, die derzeit noch unbeantwortet, aber für die Zukunftsfähigkeit der Blockchain entscheidend sind. 

Unterschiedliche Anwendungen

Version 1.0 fasst den ursprünglichen Gedanken von Nakomoto auf und bezieht sich auf die weltweite Nutzung der Blockchain-Technologie zum Austausch von Krypto-Währungen (z. B. Bitcoins) im Finanzdienstleistungsbereich. Das Bitcoin-Netzwerk mit einer Marktkapitalisierung von derzeit 9 Mrd. US-Dollar wird aktuell als wichtigste Krypto-Währung angesehen. Es existieren jedoch weltweit über 700 weitere Krypto-Währungen mit einer Marktkapitalisierung von über 12 Mrd. US-Dollar.  Primäre Verwendungszwecke sind Geldtransfer, Web Wallets, Mining oder z.B. Zahlungs- und Treuhanddienste. 

White Paper zum Thema

Das 2015 etablierte Blockchain-Konsortium „R3“, das aus über 70 internationalen Finanzinstitutionen besteht, hat das immense Potential erkannt und arbeitet auf das Ziel hin, einheitliche Standards für die Blockchain im Finanzdienstleistungsbereich zu schaffen. Zudem soll die gemeinsame Plattform als eine Art Spielwiese der etablierten Player genutzt werden, um Daten und Ideen auszutauschen.  Inzwischen wurde jedoch der Austritt von Goldman Sachs, Santander, Morgan Stanley sowie der Bank of Canada aus dem Konsortium bekannt , während in Europa eine eigene Parallelplattform etabliert werden soll . Ist diese Dezentralisierung als Eingeständnis dafür zu sehen, dass eine weltweite Blockchain im Finanzdienstleistungsbereich ein zu hoch gestecktes Ziel ist? 

In der Version 2.0 wird die Blockchain-Technologie auf weitere mögliche Anwendungen in der Wirtschaft bzw. im Umfeld von Märkten ausgeweitet, und zwar als Technologie, um digitale Assets zu transferieren und deren Besitz nachzuweisen. Es gibt keine Fokussierung auf den Finanzdienstleistungsbereich und/oder Bitcoins. Anwendungsbeispiele sind Smart Contracts bzw. Smart Properties.  Bei Smart Contracts nutzen Blockchain-Algorithmen externe Informationen, um auf Basis vorher definierter Regeln bestimmte Aktionen automatisiert auszuführen. Menschliche Interaktionen oder bspw. im Falle von Verträgen notwendige Prüfungen können so effizienter durchgesetzt, validiert oder gehemmt werden. 

Beispielanwendungen im Bereich Smart Properties sind die Vermietung oder Übertragung von Autos oder Immobilien, ohne dass eine physische Schlüsselübergabe notwendig ist. In diesem Fall werden die Nutzungsbedingungen im Blockchain Smart Contract hinterlegt, sodass erst bei Zahlung der Miete bzw. Kaution der Austausch eines digitalen Schlüssels (z.B. per Smartphone) erfolgen kann.  
Ein Praxisbeispiel ist „Ethereum“  – eine dezentrale Plattform zur Ausführung von Smart Contracts, die eine eigene Währung – den Ether – nutzt. Die Kosten für die Entwicklung und Aufschaltung der Plattform wurden 2015 über das damals größte Crowdfunding in Bitcoin eingesammelt: 18 Millionen US-Dollar in 42 Tagen.

In der Version 3.0 erfolgt der Einsatz der Technologie über Finanzen und Märkte hinaus: z.B. im öffentlichen Sektor (z. B. für sichere Wahlen, Steuern), Kunst, Kultur und Wissenschaft. Beispielhaft kann hier die Kooperation von IBM mit den in China ansässigen Blockchain Labs genannt werden, die ein manipulationssicheres Verzeichnis von Emissionswerten aufbauen, mit dem Ziel Betrug bzw. falsche oder geschönte Zahlen zu unterbinden.

Lösung ohne Aufgabenstellung

Gemäß einem persischen Sprichwort ist es schwieriger, klug zu fragen, als klug zu antworten. Mit dem Wissen über die unterschiedlichen Blockchain-Anwendungen gilt es jetzt herauszufinden, wie und ob die neue Technologie profitabel eingesetzt werden kann. Denn mit der Blockchain existiert eine Lösung, ohne dass es zuvor überhaupt eine Fragestellung dazu gab. Was technisch möglich ist, nämlich der Verzicht auf eine zentrale Instanz, steht derzeit dem gegenüber, was aus regulatorischer Sicht möglich ist. 

Trotz vieler praktischer Ansätze und Initiativen, teilweise „unter dem Radar“, ist die Forschungslücke auch in den wissenschaftlichen Beiträgen offensichtlich. So existiert keine klare Abgrenzung für den Begriff Bitcoin, der sowohl für die Währungseinheit als auch für die Technologie und für das gesamte Phänomen verwendet wird. Aus diesem Grund haben Experten der Managementberatung Horváth & Partners Vorschläge für (Forschungs-)Fragen erarbeitet, deren Beantwortung zeigen wird, ob das Tal der Desillusionierung verlassen werden kann. 

Drei zentrale Fragen

>> Technologie: Kann sich die Nutzung der Blockchain-Technologie auch ohne Bitcoin durchsetzen? 

Ursprünglich galt die Blockchain als Instrument, um die Gelddigitalisierung möglich zu machen. Erst in Kombination mit Bitcoin wurde daraus eine Innovation, der sogar ein disruptiver Charakter für ganze Branchen nachgesagt wird. In den oben genannten Versionen 2 und 3 versucht man nun die Blockchain-Technologie zu nutzen, ohne die Nachteile der ursprünglichen Idee – den damit einhergehenden Kontrollverlust aufgrund des Verzichtes auf die Intermediäre – zu spüren. Im Vordergrund steht damit eher die Effizienz und die Überlegung, wie sich die Technologie für eigene Prozesse bzw. Geschäftsmodelle ohne Bitcoins intelligent nutzen lässt. Daniel Larimer, Pionier beim Aufbau dezentraler autonomer Organisationen, warnte jedoch: „Smart contracts can not fix dumb people.“  So würde bei einem Versicherungsfall mit Smart Contracts immer noch eine Instanz dazwischen geschaltet sein müssen, die untersucht und entscheidet, ob ein Schadensfall stattgefunden hat. Ist die Verwendung von Blockchain, ohne Bitcoin, nicht einfach eine Weiterführung einer bereits bestehenden Datenbank?

>> Kunden: Werden Blockchain und Bitcoin ein massentaugliches Produkt, oder bleiben sie den „IT-Nerds“ vorbehalten“? 

Aus dieser Perspektive stellt sich die Frage, wer überhaupt Kunde (und Wettbewerber) sein soll. Möglich wäre, dass die Blockchain als Technologie für Endanwender gar nicht sichtbar wird, da sie im Hintergrund als eine Art Betriebssystem fungiert. Der Nutzer/Endanwender bekommt das im Zweifel überhaupt nicht mit, da für ihn nur wichtig ist, dass eine Dienstleistung, z.B. eine internationale Zahlung, schneller und günstiger erfolgt. Im Falle einer Nutzung der Bitcoin-Währung durch den Endanwender muss das Vertrauen der Menschen in diese virtuelle Währung erforscht werden. Ein Argument für die Verwendung von Blockchain und Bitcoin ist die Wahlfreiheit, sich dem aktuellen Bankensystem zu entziehen. Doch wird damit das Vertrauensproblem nicht einfach auf den Blockchain-Betreiber übertragen?

>> Unternehmen: Welche Branchen/Geschäftsmodelle sind geeignet? 

Ein Aspekt könnte aus der Beantwortung der Frage kommen, wo es einen besonders großen Leidensdruck gibt.  Aufgrund der Energiewende in Deutschland geht z.B. der EnBW-Konzern davon aus, dass der Ergebnisbeitrag konventioneller Kraftwerke bis 2020 um 80 Prozent gesunken sein wird. Trotzdem erwarten die Karlsruher das Niveau des operativen Ergebnisses von vor der Energiewende zu erreichen. Dies soll u.a. mit neuen digitalen Geschäftsmodellen und erneuerbaren Energien möglich sein.  In eine ähnliche Richtung geht RWE und entwickelt mit der Tochter Innogy eine Ladestationplattform „Share & Charge“ für Elektroautos, die mit Blockchain-Zahlungen funktionieren soll.  

Ein anderer Aspekt könnte der Einsatz der Blockchain im Identitätsmanagement sein, z.B. die Funktion als Grundbuchregister. Deutschland hat allerdings im Vergleich zu vielen Entwicklungsländern eine sichere rechtliche Infrastruktur, mit hierfür vorgesehenen Instanzen. An dieser Stelle wären daher ggf. die Wechselkosten für das Beamtenwesen im Vergleich zum Effizienzgewinn zu hoch, als dass der öffentliche Sektor in Deutschland als First Mover beim Thema Blockchain und Bitcoin herangezogen werden kann. 

Fazit: Die Entwicklung und Operationalisierung von konkreten und massenhaft nutzbaren Geschäftsmodellen für Blockchain & Bitcoin steht noch am Anfang. Der große Knall mit einem zentralen industrie- und nutzerübergreifenden Blockchain und Bitcoin Use Case wird nicht eintreten. Doch wird die grundsätzliche Technologie, ob mit oder ohne Bitcoin, ein potentieller Innovations- und Effizienztreiber bleiben. 

Eine Analyse von Ajana Lindt, Horváth & Partners Management Consultants