Coronavirus

Biontech mit Pfizer: Hoffnung auf Impfstoff ist plötzlich realistisch

Zum ersten Mal legen zwei westliche Hersteller positive Zwischenergebnisse eines Impfstoffs gegen das Coronavirus vor. Ein Durchbruch im Kampf gegen die Pandemie und ihre Folgen scheint plötzlich realistisch. Einer der Mitgründer von Biontech stammt übrigens aus Österreich - auch an der Entwicklung ist die heimische Firma Polymun beteiligt.

Der deutsche Biotechkonzern Biontech und der US-Pharmariese dürften jüngsten Meldungen zufolge einen entscheidenden Schritt in Richtung eines möglichen Corona-Impfstoffs gemeistert haben. Wie die beiden Konzerne mitteilen, bietet ihr Impfstoff einen mehr als 90-prozentigen Schutz vor Covid-19. Schwere Nebenwirkungen seien keine registriert worden. Bereits ab kommender Woche soll die Zulassung bei der US-Arzneimittelbehörde FDA beantragt werden.

Das sind die ersten positiven Zwischenergebnisse eines möglichen Impfstoffs in der für eine Zulassung entscheidenden Studienphase.

Ein Impfstoff gilt als Hoffnungsträger, um die Seuche einzudämmen, nachdem sich das Coronavirus von China aus weltweit ausgebreitet hat und inzwischen mehr als einer Million Menschen das Leben gekostet, die globale Wirtschaft zum Einbruch gebracht und das Leben von Milliarden Menschen auf den Kopf gestellt hat.

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Biontech: Mitgegründet von einem Österreicher

Die Mainzer Firma Biontech wurde vor zwölf Jahren von den Wissenschaftern Ugur Sahin und dessen Frau Özlem Türeci zusammen mit dem österreichischen Krebsforscher Christoph Huber gegründet. Vor der Coronakrise zählte das Unternehmen 1.500 Beschäftigte und entwickelte Immuntherapien für Krebspatienten. Firmenportrait: Mainzer Firma Biontech: Aus dem Labor weltweit in die Schlagzeilen >>

So soll der neue Impfstoff funktionieren

Dabei wird der genetische Bauplan für modifizierte Virus-Bestandteile in den Körper injiziert. Zellen nehmen diese Erbinformation auf und produzieren daraus harmlose Erregerteile, worauf das Immunsystem reagiert. Es speichert die Immunantwort ab, die später gegen eine echte Infektion schützt.

Auf diese Technologie setzte Biontech auch bei der Entwicklung eines Corona-Impfstoffs. Der Vorteil gegenüber traditionellen Impfstoffen besteht nicht zuletzt darin, dass die Entwicklung schneller möglich ist.

Klosterneuburger Firma Polymun an der Entwicklung beteiligt

An der Impfstoffentwicklung des US-Pharmakonzerns Pfizer und des deutschen Biotechnologie-Unternehmens Biontech ist auch die Klosterneuburger Firma Polymun beteiligt. Sie stellte wichtige Teile für die Impfstoff-Dosen für die klinischen Studien samt der Phase-III-Studie her. Genauer gesagt wird der mRNA-Impfstoff mit Hilfe der heimischen Experten in Lipid-Nanopartikel gepackt und mit der Impfung dann in Muskelzellen eingeschleust. Daraufhin produziert der Körper selbst Teile des SARS-CoV-2-Spike-Proteins und das Immunsystem wird darauf trainiert. Polymun ist an gleich vier mRNA-Impfstoffkandidaten in Kooperationen beteiligt.

Aktuell dazu:
Biontech: Impfstoff soll 33 Euro kosten - weniger als der Marktpreis >>

Regelrechte Euphorie an den Leitmärkten Europas

Von Marktexperten wurde die Nachricht mit großer Freude entgegengenommen. Nachdem das Coronavirus in Europa und den USA erneut verheerenden Schaden anrichtet, sei nun die Nachricht gekommen, "die wir alle schon lange ersehnen", kommentierte Analyst Craig Erlam vom Broker Oanda. Die europäischen Leitmärkte haben mit einer Kursrally auf die Nachrichten zu Fortschritten bei einem möglichen Corona-Imfpstoff reagiert. An den Leitbörsen in Europa entwickelte sich während dieser Woche eine regelrechte Euphorie.

"Das ist die Erfolgsmeldung, auf die die Börsen sehnsüchtig gewartet haben", sagte Timo Emden, Analyst bei Emden Research. "Das erste Mal ist nun Licht am Ende des Tunnels sichtbar", sagte Jochen Stanzl, Chef-Marktanalyst beim Brokerhaus AxiTrader.  "Die Nachricht zu dem Pfizer-Impfstoff bringt uns einen Schritt näher zu einem normalen Leben. Es gibt keine Zweifel daran, dass wir weitere gute Nachrichten bis zum Jahresende bekommen", sagte Naeem Aslam, Chef-Marktanalyst beim Brokerhaus Avatrade."

Kurssprünge auch in Wien

An der Wiener Börse legten Aktien von OMV, Schoeller-Bleckmann und dem Flughafen Wien deutlich zu. Auch die Anteilsscheine des Caterers Do&Co legten deutlich zu. Die Hoffnung auf einen neuen Impfstoff trieb auch den Ölpreis in die Höhe. Ein Fass der Nordseesorte Brent verteuerte sich um knapp zehn Prozent und kostete zuletzt rund 43 Dollar. Einschätzung dazu: Ökonom Felbermayr: "Neuer Impfstoff ändert für die Konjunktur alles" >>

EU hat Vertrag mit Biontech schon fertig ausgehandelt

Die EU-Kommission hat einen Vertrag zur Lieferung des vielversprechenden Impfstoffs der Pharmafirmen Biontech und Pfizer fertig ausgehandelt. "Die Verhandlungen mit der Pharmaindustrie sind abgeschlossen", bestätigten Kommissionskreise in Brüssel. Alle 27 EU-Länder haben gleichzeitig Zugriff auf erste Lieferungen. Sie sollen nach Bevölkerungsstärke verteilt werden, was für Österreich etwa zwei Prozent der verfügbaren Dosen ausmachen würde.

"Fantastische Resultate": Das sagen Wissenschaftler in Österreich

Der österreichische Virologe Florian Krammer, der aktuell an der Icahn School of Medicine at Mount Sinai in New York (USA) arbeitet, hat angesichts der Forschungsergebnisse von Biontech und Pfizer von "fantastischen Resultaten" gesprochen. Krammer erklärte gegenüber dem deutschen Science Media Center (SMC), dass die Wirksamkeit höher sein könnte als vermutet, "und das bedeutet vermutlich auch, dass es - zumindest in den USA - sehr bald zu einem Antrag zur Zulassung kommen wird." Auch für ihn wäre es noch wünschenswert, "altersspezifische Daten zu sehen, aber ich vermute, dass diese bald publiziert werden. Ehrlich gesagt, ist das die beste Nachricht, die ich seit dem 10. Jänner erhalten habe", so der Virologe.

Expertin der Meduni Wien: "Vielversprechenden Trend"

Abwartender Heidemarie Holzmann von der Medizinischen Universität (Meduni) Wien: Es handle sich um einen "interessanten Ansatz" und "vielversprechenden Trend", man warte aber noch auf detaillierte Daten. Die bis dato vorhandenen Informationen beruhen lediglich auf einer Presseaussendung der beiden Unternehmen. Die Möglichkeiten, Tag belastbare Aussagen dazu zu treffen, seien daher eingeschränkt, sagte die Wissenschafterin vom Zentrum für Virologie der Meduni zur APA. Wichtig sei, dass der Einsatz des Wirkstoffkandidaten, der als einer der aussichtsreichsten für eine Zulassung durch die Gesundheitsbehörden in den USA und Europa gilt, minutiös nachbeobachtet werde, betonte Holzmann.

(red mit APA/Reuters/AFP/dpa-afx)