Interview

Bestseller-Autor Miegel: „Für die Lehre bleiben derzeit nur die weniger Begabten“

Bestseller-Autor Meinhard Miegel über die Halbwertszeit von Ausbildungswissen, Irrwege in der Fortbildung und warum das Qualifikationsniveau von Studienabgängern immer weiter sinkt.

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Karriere

INDUSTRIEMAGAZIN: Einerseits haben wir so viele Menschen mit hochqualifizierten Abschlüssen wie noch nie zuvor. Andererseits jammert jedes zweite Unternehmen, dass es keine qualifizierten Mitarbeiter bekommt. Irgendwie ein Widerspruch, finden Sie nicht, Herr Miegel?

Meinhard Miegel: Nein, überhaupt nicht. Wenn von einem Jahrgang, wie in Deutschland, rund die Hälfte die Matura macht und davon acht- zig bis neunzig Prozent studieren, dann fehlen einfach die Leute, die die Voraussetzungen hätten, tüchtige Elektriker, Mechaniker, Klempner zu werden – alles sehr anspruchsvolle Berufe, wenn man sie gut machen will. Aber die dazu geeigneten Leute sind nicht da.

INDUSTRIEMAGAZIN: Früher gab es sie.

Meinhard Miegel: Das ist ja gerade das Problem. Weil man das Potenzial an Menschen mit guten Voraussetzungen nicht beliebig vergrößern kann, ist doch klar, was passieren muss, wenn alle halbwegs Begabten eine akademische Karriere einschlagen: Sie fehlen dann in der beruflichen Ausbildung. Dafür sitzen auf den Unis viele junge Menschen, die nachher Mühe haben, einen Beruf zu ergreifen, der zu ihrer akademischen Ausbildung passt. Das ist die Misere, in der wir uns befinden.

INDUSTRIEMAGAZIN: Die naheliegende Lösung wäre, den Zugang zu Universitäten zu verschärfen. Dann hätten manche gar keine andere Wahl, als gleich eine einschlägige Berufsausbildung einzuschlagen.

Meinhard Miegel: Das hätte schon seine Berechtigung. Wenn ich mir ansehe, welche Qualifikation Leute mit Matura heute haben, welche Qualifikation viele Studienabgänger haben, dann ist das oft nicht das Niveau, das man von diesen Ausbildungen erwartet. Aber der wirklich wichtige Punkt ist ein Bewusstseinsproblem. Wir haben jahrzehntelang die Vorstellung genährt, dass der Mensch erst beim Akademiker beginnt, und diese Ausbildungsschiene entsprechend favorisiert, während andere vernachlässigt wurden.

INDUSTRIEMAGAZIN: In einer Welt, die sich rasant verändert, ist die Entscheidung, zu studieren, ja nicht blöd. Im Studium lernt man, so heißt es jedenfalls, neben Faktenwissen auch, mit immer neuen Fragestellungen fertig zu werden. Das ist doch genau das, was der moderne Mensch von heute braucht.


Meinhard Miegel: Die These, dass jemand, der studiert hat, besser in der Lage sei, mit Veränderungen in der Arbeitswelt umzugehen und sie abzufangen, sehe ich durch die Lebenswirklichkeit nicht bestätigt. Wenn jemand heute Sozialwissenschaften oder Jus oder Betriebswirtschaft studiert – und das sind sehr häufige Studien –, dann steht er den rasanten Veränderungen genauso hilflos gegenüber wie die meisten anderen Menschen. Dafür haben wir ein Überangebot an akademisch ausgebildetem Personal. Heute studieren in Deutschland pro Kopf der Bevölkerung fünfzehn Mal so viele Leute wie vor fünfzig Jahren Betriebswirtschaft, es hat sich die Zahl der Rechtsanwälte verfünffacht und die Zahl der Ärzte ist um das Dreieinhalbfache gestiegen.

INDUSTRIEMAGAZIN: Dann liegt das Problem vielleicht darin, dass wir zu viele Rechtsanwälte und Ärzte, aber zu wenig Mathematiker und Physiker haben?


Meinhard Miegel: Nein, das ist nicht der Punkt. Denn es sind auch nicht die akademisch gebildeten Physiker oder Mathematiker, die den Unternehmen abgehen. Es fehlen Menschen, die anspruchsvolle praktische Tätigkeiten ausüben. Die fehlen, weil sie sich erst gar nicht um eine Ausbildung bewerben. Und wenn sie dann mit 25, 26 Jahren mit einem Diplom in der Tasche eine praktische Ausbildung im Betrieb machen müssen, ist das viel schwieriger als wenn sie gleich damit angefangen hätten. Aber wie schon gesagt: Wir haben die unglückliche Situation, dass die begabtere Hälfte der Bevölkerung in die akademische Ausbildung strebt. Für die berufliche Ausbildung bleibt dann die weniger begabte Hälfte übrig. Das hat auch mit der Vorstellung zu tun, wonach mit einer steigenden Zahl von Menschen in irgendwelchen Bildungseinrichtungen der Bildungsgrad der Gesellschaft zunimmt.

INDUSTRIEMAGAZIN: Wenn die begabtere Hälfte aber nun ein- mal den Wunsch hat zu studieren: Man wird es ihr kaum verbieten können.


Meinhard Miegel: Verbieten nein. Aber es war auch nicht erforderlich, die akademischen Anforderungen sukzessive zu senken, damit möglichst viele Menschen durch das Uni-System geschleust werden können. Ein Studium mit sehr gut oder zumindest mit gut abzuschließen, ist in vielen Fächern heute kein Problem. Wenn früher jemand ein summa cum laude erreichte, dann war das eine Rarität. Heute ist es das nicht mehr. Die Anforderungen so weit herunterzuschrauben, das kann sich ein Unternehmen, das ausbildet, gar nicht leisten, weil man dann viele schlecht qualifizierte Leute hätte. Der Universität ist es egal, was mit ihren Absolventen hinterher passiert. Einem Unternehmen und erst recht einem Mittelständler, der ausbildet, nicht.

INDUSTRIEMAGAZIN: Trotzdem klagen Mittelständler, dass ihre Ausbildung offenbar als unattraktiv erlebt wird.


Meinhard Miegel: Diese Firmen bilden mehrheitlich hervorragend aus. Leider ist es so, dass junge Menschen in ihrem Sicherheitsdenken am liebsten entweder bei ganz großen Unternehmen arbeiten möchten oder gleich beim Staat. Dass auch kleine und mittlere Betriebe inzwischen ein gutes Renommee haben, hat sich noch nicht so herumgesprochen.

INDUSTRIEMAGAZIN: Wenn man Ihnen zuhört, könnte man meinen, die Universitäten schmeißen ihren Absolventen Abschlüsse nach, die nichts wert sind, die Betriebe machen hingegen Lehre vom Feinsten, nur will die keiner haben.


Meinhard Miegel: Das ist natürlich karikaturenhaft überzeichnet. Das würde ich so nicht unterschreiben. Aber wie in jeder Karikatur ist auch in Ihrer Aussage viel Wahres enthalten. Wahr ist auf jeden Fall, dass wir zu viele Leute durch das Universitätssystem schleusen, für die es nachher keine entsprechenden Arbeitsmöglichkeiten gibt. Das muss sich ändern.

INDUSTRIEMAGAZIN: Ist es nicht ein wenig frivol, dass meist ausgerechnet diejenigen, die die Möglichkeit hatten, eine universitäre Ausbildung zu machen, anderen sagen: Geht bitte nicht so zahlreich studieren?

Meinhard Miegel: Das finden Sie frivol? Ich kann daran nichts Frivoles erkennen. Frivol ist es, wenn mit großem zeitlichem und finanziellem Aufwand Leute in Bereichen ausgebildet werden, für die es keine adäquaten Jobs gibt. Das ist frivol. Und eine unglaubliche Verschwendung obendrein.

INDUSTRIEMAGAZIN: Das Problem, dass wir heute nicht wissen, was der Markt konkret an Fertigkeiten in drei, vier Jahren brauchen wird, bleibt. Egal, ob im Betrieb oder auf der Uni ausgebildet wird.


Meinhard Miegel: Das ist richtig. Wenn jemand heute Software-Entwickler wird, ein Beruf mit Zukunft, wie man meinen möchte, dann kann er gar nicht so schnell schauen, wie sein Wissen überholt ist. Ähnlich in der Autoindustrie. Dort ist das Wissen nach fünf bis sieben Jahren komplett veraltet. Dann müsste die ganze Belegschaft durch frisch ausgebildete Leute ersetzt werden. Weil das natürlich nicht geht, bleibt den Betrieben nichts anderes übrig als auf Weiterbildung zu setzen. Abgesehen von einigen wenigen Traditionsberufen ist das in fast allen Branchen so. Was ein Elektriker, ein Installateur heute macht, das hat mit dem, was er in seiner Ausbildung vor fünfzehn oder zwanzig Jahren gelernt hat, kaum noch etwas zu tun. Wenn sich so jemand nicht weiterbildet, ist er beruflich schnell weg.