Stahlindustrie

Bei Thyssenkrupp verschwinden weitere 11.000 Arbeitsplätze

Der angeschlagene deutsche Stahlriese will fast doppelt so viele Stellen streichen wie bisher geplant. Nächstes Jahr soll es mit der Unsicherheit in der Stahlsparte vorbei sein, so Konzernchefin Martina Merz.

Deutschlands führender Stahlhersteller Thyssenkrupp reagiert mit dem größten Sparprogramm seiner Unternehmensgeschichte auf die immensen Verluste im abgelaufenen Geschäftsjahr. Statt der bisher geplanten 6.000 Stellen sollen insgesamt 11.000 Arbeitsplätze gestrichen werden, wie der Industriekonzern bei der Bilanzpressekonferenz mitteilte. Das ist mehr als jeder zehnte Arbeitsplatz im Unternehmen.

Der Stellenabbau wird vor allem die deutschen Standorte treffen, wo 7.000 Jobs zur Disposition stehen oder bereits gestrichen wurden. Ob nicht noch mehr Arbeitsplätze dem Rotstift zum Opfer fallen, ist ungewiss. "Wir werden weitere, auch tiefgreifende Entscheidungen treffen müssen", sagte die Vorstandsvorsitzende Martina Merz. Für die Sanierung des Stahlgeschäfts hofft sie auf finanzielle Unterstützung des Staates. Im Ende September ausgelaufenen Geschäftsjahr musste Thyssenkrupp den Wert seiner Stahlsparte um mehr als 1,5 Mrd. Euro nach unten korrigieren. Viele unrentable Unternehmensteile stehen zum Verkauf.

Ohne das mittlerweile verkaufte Aufzugsgeschäft musste der Konzern einen bereinigten operativen Verlust (Ebit) von 1,6 Mrd. Euro hinnehmen. Im Vorjahr war noch ein Minus von 110 Mio. Euro angefallen. Das Stahlgeschäft steuerte mit einem Verlust von fast 1 Mrd. Euro den größten Teil zum Minus bei. Der Umsatz brach im fortgeführten Geschäft um 15 Prozent auf rund 28,9 Mrd. Euro ein. "Die Coronakrise hat uns voll erwischt", sagte Merz. Vor allem die Nachfrage aus der Automobilindustrie war eingebrochen. Thyssenkrupp macht 30 Prozent des Umsatzes mit den Autoherstellern.

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Von entscheidender Bedeutung für den Traditionskonzern aus dem Ruhrgebiet ist eine Lösung seiner Probleme beim Stahl. "Wir wollen im März im Prinzip die Zukunftslösung für den Stahl haben", sagte Merz. Dann solle entschieden sein: "wir machen es selbst, oder wir gehen zusammen".

Thyssenkrupp lotet Kooperationen mit anderen Stahlherstellern in Europa aus, prüft aber auch ein Übernahmeangebot des britischen Konzerns Liberty Steel für seine Stahlsparte. Selbst als Käuferin will Merz aber nicht auftreten. Eine Übernahme biete sich in der gegenwärtigen wirtschaftlichen Verfassung von Thyssenkrupp nicht an. Deshalb sei diese Option nicht geprüft worden.

Für eine Sanierung des Stahlgeschäfts im Alleingang benötige Thyssenkrupp aber finanzielle Hilfe, machte Merz deutlich. Mit der deutschen Bundesregierung sei man in Gesprächen über Geld aus dem Wirtschaftsstabilisierungsfonds. Wenn Thyssenkrupp beim Stahl alleine weitermache, wäre es "eine große Hilfe, wenn wir Mittel daraus bekommen könnten", betonte die Konzernchefin. Der IG Metall reicht das nicht, sie fordert einen Einstieg des Staates bei der Stahlsparte von Thyssenkrupp.

Trotz der aktuell bedrohlichen Lage ist Merz zuversichtlich, das Ruder bei dem Traditionskonzern herumreißen zu können. "Der Umbau kommt insgesamt gut voran", versicherte sie. Durch den Verkauf der Aufzugsparte für mehr als 17 Mrd. Euro konnte der Konzern seine Bilanz aufbessern. Thyssenkrupp werde "kleiner, aber auch profitabler", betonte Merz.

Der Stellenabbau läuft seit dem vorigen Jahr, rund 3.600 Arbeitsplätze sind bereits weg. Damit müssen in den kommenden drei Jahren noch 7.400 Stellen gestrichen werden, wie Personalvorstand Oliver Burkhard vorrechnete. Diese Zahl sei "eine Momentaufnahme aus heutiger Perspektive". Sie hänge vom weiteren Geschäftsverlauf und der Entwicklung der Pandemie ab. "Neue, langfristige Beschäftigungsgarantien können wir aktuell nicht geben." Betriebsbedingte Kündigungen seien nicht ausgeschlossen, sollen aber das letzte Mittel sein.

Die IG Metall reagierte empört. "Kostenreduzierungen, die sich auf Personalabbau und Mitarbeiterbeiträge konzentrieren, lehnen wir ab", sagte der Vize-Vorsitzende des Thyssenkrupp-Aufsichtsrats, Jürgen Kerner, der "Rheinischen Post". (dpa/apa/red)