"Rendite über alles"

Bei Siemens wächst der Ärger über Joe Kaeser

Früher waren die "Siemensianer" wie eine Familie, stolz und um ihren Status beneidet. Heute steht der Aktienkurs im Vordergrund - und eine Entlassungswelle jagt die nächste. Betriebsräte sagen, offenbar wolle Konzernchef Kaeser die industrielle Basis ganz aus Deutschland rauspressen.

Bei den Siemens-Arbeitnehmervertretern wächst angesichts neuer Einschnitte der Unmut über Konzernchef Joe Kaeser. Statt ein seit langem gefordertes Zukunftskonzept zum Erhalt der Arbeitsplätze vorzulegen, jage bei dem Elektrokonzern ein Stellenabbau den nächsten, sagte Siemens-Gesamtbetriebsratschefin Birgit Steinborn der Deutschen Presse-Agentur in München.

Belegschaftsvertreter: Konzernchefs wollen Industrie aus Deutschland raus haben

"Wir befürchten, dass die industrielle Basis aus Deutschland rausgehen soll", sagte Steinborn am Rande einer Tagung von IG Metall und Siemens-Betriebsräten. Tatsächlich hat Joe Kaeser seit seinem Amtsantritt bereits mehrfach den Rotstift angesetzt. Insgesamt hat er bisher rund 13.000 Arbeitsplätze gestrichen.

Nach dieser Serie von Stellenstreichungen hat Siemens vor wenigen Tagen wieder den Abbau oder die Verlagerung von insgesamt 2.500 Arbeitsplätzen in der Sparte Prozessindustrie und Antriebe angekündigt, davon rund 2.000 in Deutschland. Die Hälfte der Jobs soll wegfallen beziehungsweise verlagert werden.

Zur Begründung verwies das Unternehmen unter anderem auf die Nachfrageflaute aus der Öl- und Gasbranche. Schwerpunktmäßig treffen die Maßnahmen Bayern. Doch auch der Siemens-Standort in Wien ist betroffen - konkrete Zahlen dazu nannte das Unternehmen jedoch nicht.

Siemens: Ein Profitfall, kein Sanierungsfall

Arbeitnehmervertreter in Deutschland machen seither Front gegen die Pläne. "Wir hoffen, dass wir Verlagerungen verhindern können. Es braucht Zeit, um über Alternativen zu reden", sagte Steinborn. Einmal gestrichene oder verlagerte Jobs seien unwiderruflich weg aus Deutschland. "Wenn man so weiterdenkt, wie Siemens argumentiert, stellt das auch das Exportmodell Deutschland in Frage."

Das Unternehmen hatte seinerseits darauf verwiesen, dass die Zahl der deutschen Arbeitsplätze seit Jahren stabil bei rund 114.000 liege und zudem neue Arbeitsplätze geschaffen würden - auch in Deutschland. Auf Marktveränderungen in einzelnen Geschäftsfeldern müsse man aber reagieren. Von einem Rückzug aus Deutschland könne keine Rede sein, auch wenn die Maßnahmen für die betroffenen Standorte durchaus schmerzlich seien. Weltweit hat Siemens rund 347.000 Beschäftigte.

Permanente Alarmstimmung unter den Mitarbeitern

Die Arbeitnehmervertreter stoßen sich aber auch daran, dass die Pläne nur wenige Wochen nach der Hauptversammlung verkündet wurden, bei der Kaeser noch auf den weitgehend abgeschlossenen Konzernumbau verwiesen habe. Die Beschäftigten lebten in einer "Dauer-Unsicherheit", die massiv auf die Stimmung schlage, sagte Siemens-Aufsichtsrat Jürgen Kerner, der auch Vorstandsmitglied der IG Metall ist, und das, obwohl Siemens beileibe kein Sanierungs-, sondern ein "Profitfall" sei.

Eigentlich müsse es darum gehen, Innovationen voranzutreiben - jedoch: "Menschen in Verunsicherung sind nicht innovativ", sagte Kerner. Unternehmen wie Siemens müssten zudem in der Lage sein, sich für Marktentwicklungen wie das gegenwärtige Ölpreis-Tief mit flexiblen Modellen zu wappnen.

Betriebsrat und IG Metall machen sich seit längerem für ein Konzept stark, das die Stärkung der Wertschöpfung bei Siemens in Deutschland, eine divisionsübergreifende Zusammenarbeit und Zukunftsinvestitionen vorsieht. Außerdem gehe es um attraktive Arbeitsbedingungen und eine neue Unternehmenskultur, sagte Steinborn. Ziel dabei müsse auch mehr Mitbestimmung in dem Unternehmen sein. "Dieser Kulturwandel hat noch nicht richtig stattgefunden."

(von Christine Schultze, dpa / APA / red)

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