Übernahme

B&R: So läuft die Integration in den ABB-Konzern

Mit der Übernahme durch ABB soll aus B&R in Eggelsberg eine Supermacht für Automatisierungstechnik werden. Glückt die Integration?

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B&R-Produktion in Eggelsberg: Der Ausbau läuft

Der Mann kennt sich mit Zahlen aus. Seit 2006 ist Clemens Sager bei ABB, zuletzt war er CFO des Turboladerbereichs. Seit wenigen Wochen führt Sager bei B&R die Regentschaft über die Finanzen. Sager wechselte mit dem Kauf des Industrieelektronikher- stellers in die Geschäftsführung der Eggelsberger. Die Installation eines langjährigen ABBlers als Finanzchef – eine Konzession an die Schweizer Mutter? 

So will man das in Eggelsberg nicht verstanden wissen. „Die Eignung der Kandidaten wurde eingehend geprüft“, sagt Geschäftsführer Hans Wimmer. Auch sonst herrscht gutes Einvernehmen zwischen den Kollegen. Mitarbeiter der B&R-Entwicklungsabteilung wollen vorerst keine großen Veränderungen in ihrer Arbeit ausmachen. Noch sei „alles beim Alten“, erzählt einer. 

Spannungsfeld 

Mehrere Kaufinteressenten, so hört man, buhlten um die mittelständische Perle B&R. Fortuna küsste den Schweizer Konzern ABB. Jetzt muss man sich in Eggelsberg an die Konzernwelt mit all ihren Regeln, Reportings, Strategiemeetings und Mehrjahresplänen gewöhnen. 

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Viel Zeit bleibt nicht: Die Branche wächst – auch dank der Märkte in Asien – stark. „Es ist in manchen Segmenten momentan nicht die Frage, ob man fünf oder zehn, sondern zehn oder 30 Prozent zulegt“, erzählt der Geschäftsführer eines Herstellers von Automatisierungstechnik. In fünf Jahren schon soll ein Drittel des Umsatzes von B&R aus Asien, wo man derzeit kein Riese ist, kommen. 

Die Trägerrakete für die Expansion: Die neue Konzernmutter. Das Band der Partnerschaft soll deshalb in den nächsten Monaten deutlich enger gezogen werden. Auch wenn B&R-Langzeitgeschäftsführer Hans Wimmer relativiert: „Es gibt nicht so großen Integrationsaufwand“, sagt er. Man habe immer sauber gewirtschaftet. Gut, der Finanzbericht habe nun vielleicht „ein paar Zeilen mehr“.

„Mussten Euphorie bremsen“ 

Der Mitbewerb kommentiert den Megadeal drastischer. „Die Übernahme klingt ja sehr romantisch“, meint ein Mitbewerber. Doch seiner Einschätzung nach treffe nun eine Firmenkultur, in der mit heimeligem Charme langjährige Unternehmensbeziehungen besiegelt werden, auf Konzernmentalität. B&R werde, so glaubt der Mitbewerber, in der großen Welt von ABB in kurzer Zeit „verschwimmen“. 

Eine Lesart, mit der langjährige ABB- und B&R-Mitarbeiter nicht mitkönnen. Die Eggelsberger werden nicht müde zu versichern, dass die Ausarbeitung der Produktstrategie am Standort verbleibt. Und der Belegschaft würde es nicht am gemeinsamen Vorwärtswillen mangeln: Das habe erst wieder ein Meeting vor ein paar Wochen gezeigt, für das italienische Kollegen von ABB und B&R nach Eggelsberg angereist waren. „Die Euphorie, zusammenzuarbeiten, war so groß, dass wir sie fast bremsen mussten“, erzählt Wimmer.

Das kann man auch nüchterner sehen. „Wenn bei ABB der Divisionschef aus Zürich ruft, heißt es anzutreten“, erzählt ein Mitarbeiter. Dafür soll sich das Unternehmen einen Gutteil der Eigenständigkeit bewahren können.

Sicherung des Lebenswerks 

Das ist auch ihr Verdienst: Hans Wimmer und Peter Gucher, von den beiden Gründern Erwin Bernecker und Josef Rainer früh in die Auslage gerückt, halten nach 30 Jahren Aufbauarbeit bei B&R das Unternehmen zusammen. Durchhaltevermögen und Loyalität attestiert ihnen die Branche. Vielleicht auch deshalb: Das Gründerduo verkaufte sein Unternehmen zur Sicherung des Lebenswerks – innerhalb der Familien soll sich kein Nachfolger gefunden haben. „Nicht jeder ist vom Ehrgeiz gebissen, mit seinem Unternehmen später einmal ins Grab zu springen“, kommentiert ein Branchenkenner. 

Ganz loslassen können die Gründer aber offensichtlich nicht: Wimmer zufolge nehmen sie ihr Beratungsmandat ernst – zuletzt etwa beim Thema Standortausbau.

Synergiensuche 

Der zügig vorangehen muss. Ein Neukunde pro Kalendertag – so lautet der derzeitige Stand in Eggelsberg. 250 Neukunden konnten heuer angeblich bisher gewonnen werden – den ABB-Effekt werde man erst nächstes Jahr spüren, heißt es im Unternehmen. Im Konzernverbund wird Eggelsberg zum weltweiten Zentrum für Maschinen- und Fabrikautomation und Teil der ABB-Division Industrieautomation. Der Personalstand soll kräftig aufgestockt werden, heißt es bei ABB – „Einen ganz erheblichen Jobaufbau“ plane ABB-Chef Ulrich Spiesshofer nach eigener Aussage. 

Am Standort Gilgenberg nimmt die neue Logistikhalle Konturen an. Der Ausbau der Büroräumlichkeiten am F&E-Zentrum Salzburg läuft ebenso nach Plan. Über eine Gemeinkostenplattform will man einen Millionenbeitrag einsparen. „Mit einer solchen Einkaufsmacht im Rücken läuft sicher einiges leichter“, meint ein Branchenkenner. 

Zugleich werden die Portfolios aufeinander abgestimmt: Im ersten Schritt werden die Eggelsberger ABB-Frequenzumrichter ab 100 Kilowatt anbieten, diese Produkte werden für B&R gelabelt. Ebenfalls ein Thema: Die einfachere Roboterintegration. Bei einigen Podukten hat B&R nun den Herausforderer im eigenen Haus. „Unsere Lösungen werden auch weiterhin ihre Berechtigung haben“, sagt Wimmer. 

Klar sei aber auch: „Das Bessere ist der Feind des Guten und der Kunde entscheidet“, so der B&R- Chef. Damit ist für Kontinuität gesorgt. Zeitlebens hielten es so nämlich auch die Gründer.

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