Schwebeshuttles für die Produktion

B&R-Produktprofi Dario Rovelli: "Das Puzzleteilchen, das uns gefehlt hat"

Wie ein radikal neues Transportsystem Produktionslayouts optimiert, ohne die Grenzen der Physik zu sprengen, erklärt Dario Rovelli, Head of Product Management beim Industrieelektronikhersteller B&R.

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"Wir werden in den kommenden Jahren völlig neue Arten von Maschinen sehen. Das finde ich ungemein spannend."
Dario Rovelli, Head of Product Management – Motion & Mechatronic Systems, B&R

INDUSTRIEMAGAZIN: Herr Rovelli, B&R hat ein Transportsystem auf Basis von Schwebe-Shuttles vorgestellt. Was brachte den Stein ins Rollen - ein schlichtes Marktscreening allein war es wohl nicht, oder?

Dario Rovelli: Wir wollen das beste Portfolio auf dem Markt für die Umsetzung der adaptiven Fertigung haben. ACOPOS 6D ist das Puzzleteilchen, das uns dazu noch gefehlt hat. Deswegen haben wir uns am kanadischen Unternehmen Planar Motor beteiligt und bieten ihre Technologie nun als Bestandteil unseres Automatisierungssystems an. 

Welche Synergien hoben Sie bei der Entwicklung? 

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Rovelli: Der Gründer von Planar Motors hat vor mehr als 15 Jahren mit der Erforschung der Magnetschwebetechnologie im industriellen Umfeld begonnen und das Produkt nun zur Marktreife gebracht. Die Aufgabengebiete Forschung und Entwicklung bleiben weiterhin bei Planar Motors. B&R bringt sein Know-how in den Bereichen Industrialisierung, Vertrieb und Service ein. Zudem hat B&R ACOPOS 6D vollständig in seine Automatisierungs-Software Automation Studio integriert, damit die Bedienung und Programmierung genauso einfach ist, wie bei jedem anderen B&R-Produkt. 

Was gefällt Ihnen an der Technologie sonst noch gut? 

Rovelli: Besonders spannend ist die Tatsache, dass die neue Technologie völlig neue Maschinenkonzepte ermöglicht. Es geht nicht einfach nur darum, ein altes Transportsystem durch ein neues, etwas schnelleres System auszutauschen. Das bisherige Konzept, dass die Produkte mit einem Transportsystem von Bearbeitungsstation zu Bearbeitungsstation fahren, ist hinfällig. Das hat zur Folge, dass wir in den kommenden Jahren völlig neue Arten von Maschinen sehen werden. Das finde ich ungemein spannend. 

© B&R

Dank Interfacekarten auch mit Steuerungssystemen von Drittherstellern kompatibel: B&Rs neue Magnetshuttle-Technologie. 

Für wen ist das Produkt interessant?  

Rovelli: Eine einzelne Branche oder Anwendung gibt es da nicht wirklich, es sind vielmehr gewisse Anforderungen, die ein System wie unseres erforderlich machen. Dazu gehören besonders Anwendungen, wo höchste Präzision gefordert ist, die Reihenfolge von Prozessschritten sich immer wieder ändert oder die Losgrößen sehr klein sind. Auch an Reinräume denken wir, wo das Transportsystem keinerlei Verunreinigungen in den Produktionsprozess bringen darf. Es gibt diverse Pilotkunden, die bereits an Maschinen mit ACOPOS 6D arbeiten. Unter anderem in den Bereichen Batteriezellenfertigung, Lebensmittel, Druck und Pharma. 

Auffallend ist die hohe Bandbreite - sie reicht von 0,6 bis 14 Kilo Traglast pro Shuttle. Sprengt das nicht die Grenzen der Physik? 

Rovelli: Das geht durch äußerst geschicktes Ausnutzen der Physik des Magnetismus. Zudem spielt auch eine sehr hohe Fertigungsgenauigkeit bei der Produktion der Segmente und Shuttles von ACOPSO 6D eine wichtige Rolle. 

Wie schnell amortisieren sich die Investitionskosten - und wer integriert eigentlich?  

Rovelli: Das System kann vom Maschinenbauer, einem Systemintegrator oder dem produzierenden Unternehmen selbst implementiert werden. Wir richten uns daher an alle drei Zielgruppen gleichermaßen. Die Investitionskosten liegen weitaus höher als bei einem klassischen Förderband. In Anwendungen, die die speziellen Eigenschaften von ACOPOS 6D benötigen, amortisieren sich diese Kosten durch eine wesentlich höhere Produktivität binnen kurzer Zeit. 

Welcher Schulungsaufwand ist erforderlich? 

Rovelli: Die Lösung lässt sich einfach und unkompliziert in eine Maschine implementieren. Zur Applikationserstellung stehen PLCopen-Funktionsblöcke und vorgefertigte mapp-Softwarebausteine zur Verfügung. Zudem lässt sich das reale Verhalten von ACOPOS 6D vollständig simulieren, was die Applikationserstellung wesentlich vereinfacht. Es sind keine Spezialkenntnisse notwendig, um die Lösung zu nutzen. 

Abschlussfrage: Welche besondere Konnektivität wird es bei den Shuttles innerhalb der B&R-Welt geben? 

Rovelli: ACOPOS 6D ist vollständig in das B&R-System integriert. Daher ist eine mikrosekundengenaue Synchronisierung mit allen Komponenten möglich, dazu zählen nicht nur andere Achsen und Achsverbünde sondern auch ganze Roboter, Track-Systeme und Vision-Kameras. Unter anderem können die Shuttles als Achse in einem CNC-Verbund fungieren oder als Master- bzw. Slave-Achse in Achsverbünden dienen. B&R bietet für sein Automatisierungssystem Interfacekarten für alle gängigen Kommunikationstechnolgien (Feldbusse und Industrial Ethernet) an. Daher kann unsere Lösung auch mit Steuerungssystemen von Drittherstellern verwendet werden.