Interview

B&C-Chef Peter Edelmann: "Ich nenne das enkelfähig"

Peter Edelmann ist der neue Chef der Beteiligungsholding von AMAG, Semperit und Lenzing, die nun den „Kampf“ mit Investor Michael Tojner gewonnen hat - die Stiftung erkaufte sich nun selbst die Letztbegünstigtenrechte. In seinem ersten großen Interview erklärt er, wie er die Arbeitsteilung mit seinen Industrievorständen gestaltet – und warum Industriekäufe weitaus komplizierter sind, wenn man die Unternehmen nicht weiterveräußern will.

Der Ort, an dem wir Peter Edelmann im September treffen, hat Geschichte geschrieben. Im obersten Stock des Palais Ephrussi, wo heute die B&C Industrieholding ihr Hauptquartier hat, lebte einst eine der wohlhabendsten Bankiersfamilien Europas. Wenige, aber teure Möbelstücke unterstreichen, dass Understatement in diesen Etagen zur Geschäftsphilosophie gehört. Seit einigen Monaten ist hier das Reich von Peter Edelmann. Der 1959 in Beirut geborene Deutsche steuert vom Wiener Ring aus die Strategie von Österreichs bedeutendster Industriebeteiligungsgesellschaft. Er hat den expliziten Auftrag, das Beteiligungsportfolio der Holding durch weitere Industrieperlen zu komplettieren. Sein Händedruck zeigt: Der Hausherr, das ist er.

Herr Edelmann, Sie sind Aufsichtsratsvorsitzender bei Semperit und Lenzing und stellvertretender Aufsichtsratschef der AMAG. Wie muss man sich die Aufgabenteilung zwischen Ihnen und Ihren Vorständen vorstellen?

Peter Edelmann Das grobe Prinzip lautet: Der Unternehmens-Vorstand erarbeitet, schlägt vor und verantwortet, der Aufsichtsrat prüft, kontrolliert, berät und entscheidet. Wir sind kein Abnick-Verein.

White Paper zum Thema

Wie wichtig ist es Ihnen, selbst an den Schalthebeln zu sitzen?

Edelmann Es war und ist mir wichtig, zu gestalten und einen Beitrag von Wert zu leisten. Früher unmittelbar als Manager, heute mittelbar als Aufsichtsrat. Unsere gemeinsame Aufgabe ist es dafür zu sorgen, dass die Unternehmen gleichermaßen auf lange Sicht erfolgreich sind und wandlungsfähig bleiben.

Sie sind zu Jahresbeginn als Vorstandschef zur Beteiligungsholding der B&C Stiftung gekommen. Womit haben die Stiftungsvorstände Sie nach Wien gelockt?

Edelmann Die B&C Holding ist ein ganz spezielles Konstrukt. Sie ist frei von sachfremden Interessen und hat einen langfristigen Blick auf Entwicklungen, der krass im Gegensatz zu den sonst üblichen kurzsichtigen Unternehmenszielen steht. Welche Beteiligungsholding formuliert schon Ziele wie „Förderung des österreichischen Unternehmertums“?

>> Anmerkung der Redaktion
Das Ringen um Anteile an der mächtigen Industrieholding B&C Privatstiftung mit dem umstrittenen Investor Michael Tojner ist entschieden: Die Stiftung kauft der italienischen Unicredit die Letztbegünstigtenrechte einfach selbst ab. Letztbegünstigte ist nun eine Stiftung rund um Norbert und Sonja Zimmermann.

Das klingt fast ein wenig romantisch. Die Beteiligungen der B&C Holding werden doch trotzdem nach knallharten betriebswirtschaftlichen Prinzipien geführt...

Edelmann Natürlich. Die B&C ist kein Kaffeekränzchen. Was die Stiftung von anderen Unternehmen unterscheidet, ist, dass sie denkt und wirtschaftet wie ein Familienunternehmen, nur eben ohne Familie. Ich habe immer in eigentümergeführten Unternehmen gearbeitet, die über die nächste Bilanz hinausgedacht haben. In Deutschland nennt man dies „enkelfähig“. Das Unternehmen soll der nächsten Generation in einem besseren Zustand übergeben werden, als man es selbst übernommen hat.

Zum Thema „dastehen“: Wo steht die AMAG aus Sicht des Mehrheitsaktionärs heute?

Edelmann Wir treffen auf ein nicht einfacher werdendes Marktumfeld, aber die Entwicklung in Ranshofen stimmt. Wir müssen jetzt dafür sorgen, dass sich die AMAG für die kommenden Jahre rüstet und für sich die nächste Etappe ihrer Entwicklung definiert und angeht. Wie stellen wir uns AMAG in 2030 vor und was sind dafür die neuen strategischen Stoßrichtungen? Diese konzeptionelle Arbeit ist unspektakulär, aber unheimlich wichtig für die Zukunft des Unternehmens.

Bei Lenzing beschäftigen Sie sich mit Investitionsplänen, die jeweils bis zu einer Milliarde Euro für neue Lyocell-Anlagen in Thailand und Brasilien erfordern würden. Machen Sie als Aufsichtsratschef die hohen Investitionen nervös?

Edelmann Der Aufsichtsrat ist tief involviert in die Überlegungen des Vorstandes. Da gibt es jede Menge zentraler Fragen. Wann ist es richtig, die on hold gesetzten Investitionen in den USA wieder zu aktivieren? Schaffen wir die Expansion in Thailand? Wie viel Kapital brauchen wir und was ist die beste Finanzierung hierfür? Diese Fragen müssen Vorstand und Aufsichtsrat klären, bevor derartig große Entscheidungen getroffen werden.

Was kommt jetzt?

Edelmann Nach reiflichen Überlegungen haben wir in diesem Jahr ein massives Investitionsprogramm für unser Spezialitätenwerk in Thailand beschlossen. In einer ersten Phase werden dort über 400 Millionen Euro investiert. Diese Entscheidung war eine der wichtigsten in der jüngeren Lenzing-Historie. Sie bringt Lenzing über Jahre in eine starke und nachhaltige Marktposition. Hier werden unsere Mitbewerber selbst mit viel Geld die verstrichene Zeit nicht mehr kaufen können.

Lenzing hat ein massives Investment in ein Lyocellfaser-Werk bei Mobile/ Alabama eingemottet. Warum?

Edelmann Durch Politik und Marktentwicklung haben sich essenzielle Rahmenbedingungen verändert. Im Nachhinein hat sich die Situation rund um Tarife und Zölle derart entwickelt, dass wir die Stopp-Taste gedrückt haben. Wenn die Umstände passen, werden wir nach Vollzug unserer Thailand-Investition das Projekt wieder aufgreifen. Sicher ist: Wir haben in den USA Zeit verloren.

Der Kautschukhersteller Semperit war lange Zeit das Sorgenkind unter den B&C-Kernbeteiligungen. Stimmt der Befund noch?

Edelmann Die letzten Halbjahres- und Quartalsergebnisse zeigen, dass die Restrukturierung greift. Aber wir müssen dranbleiben.

Ist Semperit saniert?

Wir sind noch im Prozess. Der Medizinbereich hat sich deutlich verbessert, steht aber noch vor erheblichen Herausforderungen. (aktuelle Anm. d. Red.: Semperit prüft derzeit einen Verkauf der Medizinsparte)

Die Produktion von medizinischen Handschuhen bei Sempermed ist nicht abgeschrieben?

Edelmann Nichts ist abgeschrieben. Die Semperit ist mitten in der Definition ihrer künftigen Ziele. Da steht alles offen. Der Vorstand und der Aufsichtsrat ringen gemeinsam darum, die Antwort auf die Frage zu finden, was richtig ist.

Sind dann auch österreichische Stand- orte wie Semperit Wimpassing am Prüfstand?

Edelmann Nein, aber hier hat in erster Linie der Vorstand zu sprechen. Für mich ist Wimpassing das historische Zentrum der Semperit und eine Säule unserer Fertigung. Der Standort steht nicht zur Diskussion.

Gilt das auch für die anderen Standorte?

Edelmann Die ökonomischen Prinzipien von Gewinn und Verlust gelten auch für die B&C. Jeder verantwortungsvolle Unternehmer wird im Rahmen seines Wirkens ständig seine Unternehmenseinheiten auf den Prüfstand stellen. Wenn Standorte oder Unternehmensteile die Entwicklung eines Unternehmens gefährden, muss der Vorstand handeln. Was immer Sinn macht, das Unternehmen zu stärken, muss gemacht werden. Dazu gehört, Schwächen zu eliminieren.

Die B&C hat aber den Stiftungszweck, die österreichische Industrie zu fördern und nicht zu schließen...

Edelmann Das österreichische Unternehmertum findet weltweit statt und es muss langfristig Sinn machen. Wir stellen nichts von vornherein außer Diskussion. Im Unterschied zu anderen Investoren ringen wir vielleicht länger um eine gute und nachhaltige Lösung. Wichtig ist uns, dass die Entscheidungszentralen und der Kopf der Unternehmen in Österreich bleiben. Das darf nicht ausgehöhlt werden.

Bei mir bleibt hängen: Wenn es hart auf hart kommt, sperren wir Standorte zu.

Edelmann Lassen Sie es mich so sagen: Wenn eine Produktion betriebswirtschaftlich auf lange Sicht keinen Sinn macht, dann muss uns was einfallen. Ich sage jetzt dezidiert nicht: zusperren. Aber unser Stiftungszweck schützt keinen Standort, wenn es zu Unproduktivität, unökonomischem Handeln oder Gefährdung des großen Ganzen kommt. Auf keinen Fall würden wir ein Unternehmen in Gefahr bringen, um einen kleinen Teil zu retten.

Eine Ihrer Kernaufgaben bei der B&C Holding ist die Akquisition von weiteren Industrieunternehmen. Wie ist da der Stand der Dinge?

Edelmann Im Bereich der Technologie- und Wachstumsunternehmen waren wir über die letzten Jahre bei striktem Qualitätsfokus sehr aktiv. Mittlerweile hält die B&C in dem Segment sechs Direktbeteiligungen. Bei der Frage einer vierten Kernbeteiligung warten wir auf die richtige Gelegenheit. Die Liste der verfügbaren und in Frage kommenden österreichischen Unternehmen ist nicht mehrseitig.

B&C war interessiert am Wieselburger Autozulieferer ZKW und dem Gasmotorenhersteller Jenbacher – und ist bei beiden Unternehmen nicht zum Zug gekommen. War man in Beteiligungsfragen in der B&C bislang zu zögerlich?

Edelmann Wir kaufen, um dabeizubleiben. Das bedeutet, dass eine Beteiligung doppelt Sinn machen muss. Wenn Sie kaufen, um die Anteile bald wieder weiterzugeben, ist die Messlatte naturgemäß weitaus niedriger...

Kam B&C in der jüngeren Vergangenheit zu kurz, weil man zu vorsichtig war?

Edelmann Das glaube ich nicht. Die Jahre 2018 und 2019 werden sicherlich nicht in die Annalen für gute und erfolgreiche Industrieübernahmen eingehen. Die Preise sind derart hoch, dass man oft mit dem betriebswirtschaftlichen Rational ringt. Wir warten da lieber auf den richtigen Zeitpunkt und das richtige Unternehmen.

Ist Jenbacher noch ein Thema?

Edelmann Von unserer Seite steht es nicht zur Debatte.

Stehen andere Beteiligungen an?

Edelmann (denkt nach) Ich glaube, wir werden Sie in diesem Jahr nicht mehr überraschen.

Zur B&C Industrieholding: Familienunternehmen ohne Familie

Die B&C Industrieholding ist eine 100-Prozent-Tochter der B&C Privatstiftung. Gewinne und Dividenden werden zum Großteil in die Beteiligungen reinvestiert bzw. für neue Beteiligungen thesauriert. Dies macht die B&C zu einem der finanzstärksten Beteiligungsfonds Österreichs. Die drei Kernbeteiligungen Lenzing, AMAG und Semperit (hier verfügt die B&C Holding jeweils etwas mehr als 50 Prozent der Stimmrechte) machen gemeinsam 3,05 Mrd. Euro Umsatz mit fast 16.000 Mitarbeitern, davon 5.500 in Österreich. 2018 betrug der Dividendenanteil der österreichischen Investoren an den drei Unternehmen 126 Mio. Euro.

>> Lesen Sie auch das Portrait von B&C-Geschäftsführerin Mariella Schurz: „Warum gehen so viele Frauen verloren?“

peter, edelmann, B&C, Industrieholding, Lenzing, B&C-Gruppe © APA/HANS KLAUS TECHT

Zur Person Peter Edelmann

Der 1959 in Beirut geborene Edelmann war 22 Jahre beim Maschinenbaukonzern Voith AG, davon acht Jahre im Vorstand und Vorsitzender der GF Antriebstechnik. Nach seinem Abgang 2012 – der Voith-Konzern wurde umgebaut – spezialisierte sich Edelmann mit einer eigenen Unternehmensberatung auf Aufsichts- und Beiratsmandate. Von 2016 - 2018 wechselte er interimistisch als CEO ins Management des Industriediensleisters Kaefer Isoliertechnik.

Verwandte tecfindr-Einträge