Energiewirtschaft

APG und Oesterreichs Energie fordern stärkeren Netzausbau

Der heimische Übertragungsnetzbetreiber APG wünscht sich einen schnelleren Ausbau der Stromnetze. Die Netze vom Westen nach Osten Österreichs seien an der Grenze ihrer Leistungsfähigkeit. Auch Industrieriesen wie die Voestalpine bräuchten Planungssicherheit. Der Fachverband Oesterreichs Energie betont, auch ohne neue Speicher werde es nicht gehen.

Die Übertragungsnetzgesellschaft APG wünscht sich einen zügigen Ausbau des Stromnetzes. Denn Österreich könnte sich zeitweise bereits vollständig mit Strom aus erneuerbaren Quellen wie Wasserkraft, Photovoltaik und Windkraft versorgen. Allerdings kann wegen Lücken im Netzausbau die Elektrizität nicht ausreichend vom Westen zu den Verbrauchszentren wie Linz, Wien oder Graz im Osten gebracht werden.

In den vergangenen Monaten - in der Coronakrise mit spürbar geringerem Stromverbrauch und vergleichsweise höherem Erneuerbaren-Anteil - habe man "die Alarmglocken schrillen gehört, und wir machen uns ernste Sorgen", sagte Vorstandsdirektor Gerhard Christiner von der Austrian Power Grid (APG) vor Journalisten. Ohne Netzausbau seien Photovoltaik und Windkraft "bloß ein Bekenntnis". Heute sei das Netz "nicht zukunftsfit". Österreich stehe an einer "Weggabelung", vor der Entscheidung, wo man mit der erneuerbaren Energie hinwolle. Da die Stromnetze am Limit seien, müsse sich auch die Politik zum Netzausbau bekennen, fordert man bei der APG.

Der Netzausbau müsse funktionieren, sonst gelange der günstige Strom etwa aus dem Westen - oder aus Importen, die auch vorwiegend im Westen, etwa Tirol, ankommen, nicht weiter, warnte sein Vorstandskollege Thomas Karall: "Eine gute physikalische Struktur ist die Voraussetzung, dass dir die liquiden Märkte erreichen." Und liquide Märkte wie etwa jener in Deutschland seien die Voraussetzung für einen günstigen Strom. Es gelte die Regel: "Wer die bessere Physik hat, hat den besten Marktzugang", so der kaufmännische Direktor Karall.

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Hauptproblem sei, dass die 380-kV-Ringleitung durch das Fehlen der Salzburg-Leitung noch immer nicht geschlossen sei, sagten die beiden Vorstände. Eigentlich sei man mit der Salzburg-Leitung bereits sieben Jahre zu spät dran. Die jetzige Leitung sei 70 Jahre alt und zu schwach: "Jeden zweiten, dritten Tag erleben wir, dass Strom, der im Westen oder im Ausland gekauft wurde, nicht in den Osten des Landes geliefert werden kann." 2025 soll die Leitung in Betrieb gehen können, das Investitionsvolumen beläuft sich auf rund 890 Mio. Euro.

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Zugleich müsse das Netz im Osten durch den Einsatz von Gaskraftwerken gestützt werden. Seit Jahresbeginn habe die APG dafür bereits 100 Mio. Euro aufwenden müssen, so Christiner vor Journalisten. Im gesamten Vorjahr seien es 150 Mio. Euro gewesen, "das ist der halbe APG-Tarif", meinte Karall. Überdies wurde voriges Jahr durch diesen Gaskraftwerkseinsatz zur Netzstützung - denn ansonsten sind diese Anlagen bei den niedrigen Strompreisen derzeit nicht marktfähig - laut Christiner eine Million Tonnen Kohlendioxid (CO2) ausgestoßen.

APG: Auch Voestalpine braucht Planungssicherheit

Christiner wies auch auf mögliche wirtschaftliche Schäden für Unternehmen durch fehlende Stromnetze hin. Die voestalpine etwa bräuchte für ihre definitive Entscheidung für ihren geplanten Technologiewechsel in Richtung Elektroschmelze Mitte kommenden Jahrzehnts schon jetzt von der APG die Zusicherung, dass der Strom ab dem Jahr 2026 gesichert nach Linz durchkommen könne, sagte Christiner in einem Pressegespräch. Es drohe die Gefahr, dass Unternehmen deshalb "Standortüberlegungen" anstellen könnten, warnte Karall.

Auch bekomme man etwa Anfragen von Windkraftbetreibern, ob ein bestimmter Windpark zum Beispiel 2023 ans Netz angeschlossen werden könne, denen müsse man aber manchmal sagen, man wisse nicht, ob bis dahin das Netz fertig sein könne. "Wir wollen ein verlässlicher Partner für die Unternehmen sein", betonte Christiner dazu. Und Karall sprach von einer "Weichenstellung", die "auch relevant für die künftigen Generationen" sei.

Gegen Erdkabel bei der Salzburgleitung

Zur 380-kV-Leitung in Salzburg kann man sich übrigens eine fallweise verlangte Umstellung auf ein Erdkabel nicht vorstellen. Das hieße eine völlige Neuplanung, praktisch einen "Beginn bei Null mit einer neuen Trasse", meinte der Technik-Vorstand Christiner. In Deutschland laufe die Diskussion zum Teil umgekehrt als in Österreich, dort würden sich die Bauern massiv gegen eine Erdverkabelung wehren. Man könne immer über eine Technologie reden, wenn man sich einmal entschieden habe, sollte man das aber auch durchziehen. In rechtlicher Hinsicht sieht man sich trotz noch laufender letzter Verfahren auf der sicheren Seite mit der Entscheidung, den Bau zu beginnen.

Oesterreichs Energie: Energiewende nur mit mehr Netzen und Speichern machbar

Der E-Wirtschafts-Interessensverband Oesterreichs Energie betonte, dass Österreich seine Klimaziele nur mit einer massiven Verstärkung der Netze und mit der Errichtung leistungsfähiger Speicher erreichen könne, so Präsident Michael Strugl in einer Aussendung. Um den Strombedarf bilanziell über ein Jahr gesehen zu 100 Prozent erneuerbar zu decken, müsse es in der Stromerzeugung einen kräftigen Ausbau geben. Bis dahin sei um 27 TWh mehr Strom aus erneuerbaren Quellen nötig, das entspreche etwa dem gesamten Verbrauch Dänemarks. (apa/red)

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