Anleihen: Wundermittel auch für Kleinbetriebe?

Nach dem Austrocknen der Kreditmärkte haben viele Industriekonzerne über Unternehmensanleihen den Kapitalmarkt angezapft. Trotz historisch niedriger Kreditzinsen und gelockerter Kreditvergabe durch die Banken: Auch heimische Mittelständer sollten diese Alternative prüfen.

Verhandlungen über Bankkredite muss Harald Schüll nun länger nicht führen. Der Vorstand des Photovoltaikanlagenherstellers Sonneninvest AG hat im Herbst 2009 mit einer 10 Millionen schweren und zehn Jahre laufenden Unternehmensanleihe eine großzügige Kreditlinie aufgelegt. Bis dato konnte das Wiener Unternehmen für aktuelle Projekte rund 3 Millionen Euro aus der Anleihe bei Großanlegern platzieren. „Unser Finanzbedarf ist damit vorerst gedeckt. Sobald sich neue Projekte konkretisieren, werden wir Investoren zur weiteren Zeichnung unserer Anleihe einladen“, sagt Harald Schüll. Angelockt werden potenzielle Anleger vom Photovoltaikspezialisten mit im Vergleich zu Alternativanlagen üppigen Zinsen: Mit sieben Prozent pro Anno rentiert die Sonneninvest AG-Anleihe.

Boommarkt Schuldverschreibung.
Nach dem Austrocknen der Kreditmärkte Ende 2008  explodierte der Anzahl der begebenen Unternehmensanleihen in Österreich: Fast 5,2 Milliarden Euro an verzinslichen Wertpapieren heimischer Unternehmen fanden 2009 Abnehmer – ein historischer Rekord. In den ersten fünf Monaten des heurigen Jahres haben unter anderem die OMV, Egger Holzwerkstoffe, Borealis, die Strabag oder Alpine den Kapitalmarkt angezapft – und über 1,5 Milliarden Euro eingesammelt. Nicht zuletzt, weil sie im Gegensatz zu Industriekonzernen wieder etwas leichter an Kreditlinien kommen, sind heuer relativ wenige Mittelständler kapitalmarktaktiv. „Aber wir sehen Mittelstandsbonds generell als attraktive Finanzierungsalternative zum Bankkredit“, sagt Rita Hochgatterer von der Investkredit. Derartige Anleihen machen kostenseitig ab etwa 10 Millionen Euro Platzierungsvolumen Sinn. Und haben neben einer höheren Unabhängigkeit von der Hausbank auch noch einige weitere Vorteile zu bieten.

Lösen von Bankabhängigkeit.
Nicht als Alternative zum Bankkredit sondern praktisch als einzige Option wurden Unternehmensanleihen zu Beginn des Vorjahres von heimischen Industriekonzernen herangezogen. „Unsere langjährigen Bankpartner waren am Höhepunkt der Finanzmarktkrise etwas spröde. Wir haben daher mit einem umfassenden Anleiheprogramm unsere Refinanzierung auf eigene Füße gestellt“, sagt OMV Vorstand Wolfgang Ruttensdorfer. Derart negative Erfahrungen mit plötzlich gekürzten oder teureren Kreditlinien ihrer Hausbanken haben auch kleinere Unternehmen in der jüngsten Vergangenheit gemacht. Florian Vanek von der Wiener Börse erhält daher auch immer wieder Anfragen zu Anleiheemissionen von heimischen Mittelständern, die sich von der totalen Bankabhängigkeit lösen möchten. „In den Jahren 2004 und 2005 konnten viele kleinere Unternehmensanleihen zu attraktiven Konditionen platziert werden. Derzeit werden allerdings große Konzerne von Investoren klar bevorzugt“, sagt Vanek.

Hohe Hürden.
Trotz der aktuellen Zugangshürden sollten Mittelständer die Refinanzierung über eine Anleihe nicht kategorisch abhaken. „Investoren schauen derzeit neben der Bonität primär auf den Bekanntheitsgrad eines Unternehmens“, sagt Reno Kroboth, Bereichsleiter Emissionsgeschäft der Bawag/PSK. So konnte etwa der Büromöbelhersteller Bene trotz stark rückläufiger Umsätze im Herbst 2009 eine kleine Anleihe erfolgreich platzieren. Dass man auch als völlig unbekanntes Unternehmen mit einer guten Investmentstory Investoren überzeugen kann, beweist die Sonneninvest AG. Erst im Jahr 2009 von zwei ehemaligen Investmentbankern gegründet und mit gerade einmal 200.000 Euro Eigenkapital ausgestattet, konnte gleich im Startjahr fast ein Drittel einer 10 Millionen Anleihe platziert werden. „Es war nicht einfach, aber wir konnten unsere Investoren in vielen Gesprächen von der Nachhaltigkeit unseres Photovoltaikmodells überzeugen“, sagt Sonneninvest AG Vorstand Harald Schüll.

Hohe Zinsdifferenz.
 Dass man für Unternehmensanleihen grundsätzlich mehr als für Bankkredite bezahlen muss, ist prinzipiell ein kurzfristiges Phänomen. Derzeit ist die Differenz zwischen kurz- und langfristigen Zinssätzen besonders hoch. Während die meist variabel verzinsten Bankkredite momentan durchschnittlich rund 2,25 Prozent kosten musste die Strabag im Mai einen Kupon von 4,25 % für eine fünfjährige Anleihe bieten. Fixiert ein Unternehmen bei seinem Bankkredit die Zinsen auf zehn Jahre, muss wie bei der Anleihe der Sonneninvest AG mit einem Zinssatz von rund 7 Prozent gerechnet werden. „Grundsätzlich liegen die Margen für Unternehmensanleihen sogar leicht unter vergleichbaren Kreditkonditionen“, sagt Reno Kroboth von der Bawag/PSK. Wenngleich der Mehraufwand für einen Fixzinssatz derzeit beträchtlich ist, kann sich ein solcher langfristig absolut bezahlt machen. Wie das Beispiel des oberösterreichischen Schierzeugers Fischer beweist. Im September 2005 bediente sich Fischer am Kapitalmarkt mit einer 5jährigen Anleihe über 10 Millionen Euro zu einem fixen Kupon von 3,625 Prozent. Während die durchschnittlichen Zinssätze für heimische Unternehmensfinanzierung am Höhepunkt der Finanzmarktkrise auf bis zu 6 Prozent gestiegen sind (siehe Chart), musste der Schihersteller in dieser schwierigen Zeit gerade einmal etwas mehr als die Hälfte bezahlen. Die Experten der UniCredit Bank Austria rechnen bis zum ersten Quartal 2011 mit nur moderat steigenden kurzfristigen Zinsen und somit defakto mit unveränderten Konditionen für Bankkredite.

Schere schliesst sich.
Dass die Rahmenbedingungen für Anleiheemissionen günstiger werden rechnet UniCredit Bank Austria Vorstand Helmut Bernkopf nicht. „Wir glauben, dass weder die Risikoaufschläge noch die langfristigen Zinsen in der nächsten Zeit weiter nennenswert sinken werden. Denn schlußendlich wollen auch die Investoren einen gewissen Mindestkupon“, sagt Bernkopf. Kostenseitig betrachtet gibt es zwischen Unternehmensanleihen und Bankkrediten kaum Unterschiede. „Es ist im Einzelfall zu prüfen, ob eine Bankfinanzierung oder eine Anleihe für das Unternehmen günstiger kommt, pauschal kann man das nicht beantworten“, sagt Martin Schaller, Treasuryleiter Raiffeisenlandesbank Oberösterreich. Rita Hochgatterer von der Investkredit empfiehlt bei Anleihen ein Mindestvolumen von 10 Millionen Euro, damit sich die Fixkostentangente der Emission nicht zu stark niederschlägt. Unternehmensanleihen sollten – sobald die kurzfristigen Zinsen wieder steigen – gegenüber Bankkrediten mittelfristig keine wirtschaftlichen Nachteile bringen. Klar für Anleihen spricht die höhere Unabhängigkeit von den Hausbanken. Und dass sich die Gläubiger auch in wirtschaftlich turbulenten Phasen an die ursprünglich vereinbarten Parameter halten müssen.