Hintergrund

Amazons neue Zentralen: Freude über Jobs, Angst vor Explosion der Mietpreise

Tausende neue Jobs und gleichzeitig steigende Kosten für alltägliche Dinge und explodierende Mietpreise: Die Entscheidung des Internetriesen Amazon für zwei neue Firmenzentralen ruft in den USA sehr gemischte Gefühle hervor.

Tausende Jobs und lebhafte Viertel - steigende Lebenshaltungskosten und noch mehr Verkehrschaos. Amazons Pläne, seinen zweiten Firmensitz in den Ostküstenstädten New York und Arlington nahe Washington anzusiedeln, bringen dem US-Internetgiganten Reaktionen entlang der gesamten Skala von Angst, Skepsis, Hoffnung und Begeisterung ein.

Auch die Subventionen der Staaten New York und Virginia, die mit Amazons Investitionen verbunden sind, erregen die Gemüter. Zu der Entscheidung: Amazon baut zwei neue Zentralen in den USA - und kassiert ordentlich ab >>

Umstrittener Schönheitswettbewerb

Ein Jahr lang hatte Amazon nach einem geeigneten zweiten Headquarter gesucht, das den Hauptsitz in Seattle im Staat Washington ergänzen sollte. Seit Dienstag steht fest: Das "HQ2" wird gesplittet, in einen Sitz im Viertel Long Island City im New Yorker Stadtteil Queens und einen Sitz in Arlington im Staat Virginia, unweit der Hauptstadt Washington. 5 Mrd. Dollar (4,4 Mrd. Euro) will Amazon investieren und insgesamt 50.000 neue Jobs schaffen.

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"Ich freue mich sehr, dass Amazon kommt", sagt Karla Massey, die im Arlingtoner Stadtteil Pentagon City arbeitet, zu AFP. Nicht nur Jobs bei Amazon, sondern auch für "Barkeeper, Reinigungskräfte, einfach alle Menschen" erwartet sie, "das ist das Tolle an der Sache". Und die Umgebung werde viel lebendiger. Auch die Anwohnerin und Designerin Jennah Goldman freut sich: "So kommen endlich Menschen, um all die Hochhäuser zu bewohnen, die gebaut werden."

Barbara Vetter, die schon lange in Virginia wohnt und dort für die Regierung arbeitet, ist da skeptisch. "Natürlich hat das viel Positives, doch bei dem vielen Verkehr und den jetzt schon hohen Lebenshaltungskosten ist es schwer, optimistisch zu bleiben." Vor allem all jene, die nicht für Amazon arbeiten werden, dürften von dem Preisanstieg hart getroffen werden.

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In New York klingen die Bedenken ähnlich. Mike Barratt, Leiter eines Fahrradgeschäfts in Long Island City, sorgt sich vor allem um die Familien in der Nachbarschaft. "Viele Menschen hier haben kein Wohneigentum, aber sie wohnen hier seit 15, 20 Jahren zur Miete", sagt er. Diese liefen Gefahr, von den steigenden Preisen verdrängt zu werden. "Sie sind verärgert." Schon länger werden in der Gegend Luxus-Hochhäuser gebaut, der Trend dürfte anhalten.

"Wir sind Zeugen eines zynischen Spiels"

Jimmy Van Bramer, der im New Yorker Stadtrat sitzt, stört sich insbesondere an den Steuersubventionen, die Amazon für seine Ansiedlung in Aussicht gestellt werden. "Unsere U-Bahnen verfallen, es fehlen Schulplätze für unsere Kinder und zu viele unserer Nachbarn haben keine ausreichende Gesundheitsversorgung", schreibt er in einer gemeinsamen Erklärung mit Senator Michael Gianaris. "Wir sind Zeugen eines zynischen Spiels, in dem Amazon New York zu beispiellosen Steuergeldern für eines der reichsten Unternehmen der Erde überlistet."

Tatsächlich kann Amazon allein in New York in den kommenden Jahren auf Steueranreize in Höhe von 1,525 Mrd. Dollar hoffen, Virginia gibt die Aussicht auf 500 Mio. Dollar und will zusätzlich 200 Mio. Dollar in die örtliche Infrastruktur und den Nahverkehr investieren. Beide Staaten knüpfen ihre Steuererleichterungen an die Performance von Amazon vor Ort und daran, ob tatsächlich wie versprochen an jedem Standort 25.000 Jobs entstehen.

Der Aktivistin Alexandria Ocasio-Cortez, die für die Demokraten im Kongress sitzt, gehen die Steuerboni für Amazon entschieden zu weit. "Wir sollten uns auf eine gute Gesundheitsversorgung, ein Existenzminimum und bezahlbare Mieten konzentrieren", schrieb sie im Internetdienst Twitter. "Unternehmen, die nichts davon anbieten, sollten wir mit Skepsis begegnen."

(von Rob Lever und Thomas Urbain, AFP / APA / red)