Kraftwerke

Am Sonntag fliegt das Kraftwerk Voitsberg in die Luft

Für das Bundesheer soll es die größte Sprengung eines Bauwerks in der Zweiten Republik werden: Für den Abriss des Kraftwerks Voitsberg zünden Experten 666 Kilogramm Sprengstoff. Der schwere Beton soll dann in drei Richtungen umstürzen.

Bundesheer Energieversorger

Das frühere kohlebetriebene Dampfkraftwerk im weststeirischen Voitsberg soll am kommenden Sonntag (8.11.) nach der Zündung von 666 Kilogramm Sprengstoff endgültig Geschichte sein. Kesselhaus, Stiegenhausturm und Mittelbau werden - so der Plan - in unterschiedliche Fallrichtungen umstürzen und damit die letzen Abbrucharbeiten ermöglichen, erklärten Bundesheer und Porr Umwelttechnik.

Ab 15.30 Uhr sollen die 1.760 Einzelsprengungen zehn bis 15 Sekunden dauern. 1.060 Ladungen wurden bereits im Stahlbeton platziert, 700 warten als sogenannte Schneidladungen im und am Stahl. Exakt 1.320 Zünder werden im Tausendstelsekundenbereich und exakt getaktet mit der elektrischen Zündanlage zur Detonation gebracht. Rund 15.400 Tonnen werden danach umstürzen, wobei zuerst der Stiegenhausturm, dann der Mittelbau und zum Schluss das Kesselhaus umstürzen sollen.

Um Staub, Lärm und Erschütterungen zu minimieren, haben die Fachleute mehrere Maßnahmen getroffen: Fallbette aus angehäufter Erde sollen den Aufprall dämpfen und Gräben die Bodenerschütterung nicht zu stark an die Umgebung weitergeben. 15 Wasserbecken, in denen ebenfalls Sprengladungen hochgehen, sollen einen Wasserschleier bilden, der die Staubentfaltung eindämmt. Spezielle Vorhänge vor dem Kesselhaus sollen den Lärm ebenfalls reduzieren und Splitter abfangen.

White Paper zum Thema

Größter industrieller Rückbau in Österreich

Trotz aller Vorkehrungen muss das Bundesheer zusammen mit Feuerwehren und Polizei einen Abstand von 300 Meter rund um das Kraftwerk frei von Menschen halten. Anrainer müssen ihre Häuser aus Sicherheitsgründen verlassen. Niemand darf sich im Gefahrenbereich aufhalten.

Oberstleutnant Walter Voglauer, sprengtechnischer Leiter des Vorhabens, zufolge werden die Bauwerke nicht im klassischen Sinn kollabieren, so wie man es von anderen Gebäuden kennt: Die Stahlstützen und Hauptträger seien dafür einfach zu stark. Ladungen wurden so platziert, dass die Kraftwerksteile an den Bruchstellen im 45 Grad Winkel abrutschen und danach umfallen, so der Bundesheer-Offizier. Vor allem das Kesselhaus werde aber selbst nach dem Umstürzen weiterhin rund 50 Meter hoch sein. Es könne erst danach abgebaut werden.

Martin Taborsky, Geschäftsführer der Arge Kraftwerk Voitsberg von der Porr, erklärte beim Pressegespräch auf der Baustelle, dass in den vergangenen Tagen und Wochen die wichtigsten Stützen bereits vorgeschwächt wurden: "Jetzt darf nur mehr das Bundesheer hinein, weil die Vorschwächung bis zur Grenze der statischen Tragfähigkeit bemessen ist." Damit könne auch Sprengstoff gespart werden - zumal einer der teuersten am Markt gekauft wurde. Die Kosten für die Unterstützungsleistung des Bundesheeres werden übrigen von der Porr bezahlt. 118 Soldaten waren in die Vorbereitungen eingebunden und nutzen das Projekt vor allem für Ausbildungszwecke.

Der laut Porr momentan größte industrielle Rückbau in Österreich geht mit der letzten Sprengung in die Endphase. Die Arbeiten der vergangenen Jahre waren und sind "im Fokus der Bevölkerung", meinte Kurt Lackner von der Porr. Das Kraftwerk, dessen Block 1 seit 1948 in Betrieb war und dessen letzter produzierter Strom 2006 aus Block 3 floss, war prägend für die Region und von Weitem sichtbar. Nachdem die Reste der Sprengung beseitigt sind, will die Porr das rund 250.000 Quadratmeter große Areal rekultivieren. Die Gemeinde als Käufer erwartet eine grüne Wiese, auf der in Zukunft Gewerbe und Industrie Platz finden sollen.

Für das Bundesheer wird es die größte Bauwerkssprengung in der Zweiten Republik sein. Nur noch das Wetter könnte einen Strich durch die Rechnung machen: Herrscht wider Erwarten dichter Nebel oder sehr hohe Luftfeuchtigkeit, ist der 15. November Ersatztermin. Der Sicherheitsbereich gilt ab 13.00 Uhr bis mindestens eine Viertelstunde nach der Sprengung.

Gesperrt werden in dem Zeitraum auch die Umfahrung Voitsberg der Packer Bundesstraße (B70), die Grenzstraße in Rosental, die Packerstraße, die Parkplätze des WEZ und ÖDK-Siedlung, die Alte Bundesstraße in Bärnbach sowie die Rot-Kreuz-Gasse und der Rot-Kreuz-Weg in Voitsberg. Die Bahntrasse der GKB ist ebenfalls gesperrt, ein Schienenersatzverkehr wird eingerichtet.

Bürgermeister Ernst Meixner empfahl den Bürgern auch, lärmempfindliche Haustiere im näheren Bereich des Kraftwerks während der Sprengung in geschlossenen Räumen zu halten. Das gelte vor allem auch für Pferde. Da mit großem Interesse an der Sprengung und entsprechendem Andrang von Zuschauern zu rechnen sei, wurde eine rechtzeitige Anreise - am besten mit öffentlichen Verkehrsmitteln wie etwa Zug - empfohlen.

Roboterbagger reissen den Schlot ab

Der 180 Meter hohe Schlot war übrigens Anfang August vorzeitig von Roboterbaggern zum kontrollierten Umstürzen gebracht worden. Bei Abbrucharbeiten an Rohren im Inneren des Kamins war das Fundament beschädigt worden, weshalb der Turm in eine leichte Schieflage geraten war. (apa)