Weltenergierat

Das Problem ist nicht Peak Oil - sondern Peak CO2

Christoph Frei, Generalsekretär des einflußreichen Weltenergierats, über den Klimawandel und den notwendigen, umfassenden Umbau der Energiesysteme – und warum am Ende alle Anstrengungen trotzdem vergeblich sein könnten.

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"All jene, die gehofft haben, dass der Klimawandel durch Verknappung fossiler Rohstoffe gemildert werden kann, muss man schnell wecken."

Beim Thema Versorgungssicherheit stand jahrzehntelang der Ölpreis im Mittelpunkt. Heute wehrt sich die Opec mit billigem Öl recht effektiv gegen die Dominanz der USA bei der Fracking-Technologie. Wie geht es mit den Rohstoffpreisen weiter?

FREI: Ich glaube, die große Zeit der konventionellen Lagerstätten ist vorbei. Heute ist ganz klar die Erkenntnis da, dass wir große Potenziale in unkonventionellen Öl- und Gasfeldern haben. Das heißt aber nicht, dass die Bedingungen überall dieselben sind wie in den USA. In den nach Größe gleich danach gelisteten Regionen in China, Argentinien, Russland, Algerien oder Südafrika haben alle komplexere geologische Bedingungen, deutlich weniger gute technologische Infrastruktur, nicht notwendigerweise die unternehmerischen Fähigkeiten. China macht zwar Riesenfortschritte in diesem Bereich, Argentinien auch. Aber anderswo wird unkonventionelles Öl und Gas weniger günstig zu fördern sein. Doch insgesamt erwarten wir, dass der Ölpreis sich mittelfristig nach Überwindung der gegenwärtigen Tiefphase in einem Bereich von 60 bis 70 Dollar einpendelt.

Bei Gas ist der Trend ähnlich. Russland hat sich in einer Zeit teuren Öls zu Beginn der Ukrainekrise viel von der Orientierung zu China versprochen. Da aber Chinas Wachstum schwächer ausfällt als erwartet, ist auch bei Gazprom eine neue Offenheit gegenüber den Spottpreisen in Europa entstanden.

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Also von Versorgungsengpässen und Peak Oil ist keine Rede mehr.

FREI: Die Situation auf dem Weltmarkt hilft dem Klimawandel nicht. Das muss man ganz klar sagen. All jene, die gehofft haben, dass der Klimawandel durch Verknappung fossiler Rohstoffe gemildert werden kann, muss man schnell wecken. Das wird nicht durch die Natur geregelt, es braucht politische Maßnahmen. Das wirkliche Hauptproblem ist nicht Peak Oil, sondern Peak CO2 und Peak Climate.

In der Energiewende spielt die gerade in Österreich so starke Wasserkraft eine zentrale Rolle. Und Gaskraftwerke gelten als eine Brückentechnologie. Doch angesichts aktueller Marktverwerfungen geht bei beiden die Rentabilität massiv nach unten. Welche Schritte erwarten Sie hier?

FREI: Die deutsche Energiewende hat einen riesigen Innovationsschub ausgelöst,der weltweit Nachahmung finden wird. Jüngst hat das Energieministerium in Berlin das Weißbuch "Ein Strommarkt für die Energiewende" veröffentlicht, ein Entwurf für ein neues Strommarktgesetz. Diese Vorlage definiert Kapazitätsreserven, lehnt Kapazitätsmärkte ab, spricht von Bilanzkreistreue und davon, dass Regelleistungsmärkte verbessert werden müssen. Für mich sind das die Schlüsselthemen darin und die wichtigste Innovation ist die Bilanzkreistreue.

Doch für die Betreiber von Wasserkraftwerken, speziell von Pumpspeichern, gibt das Weißbuch keine zufriedenstellende Antwort. Auch bei Gaskraftwerken spricht man zwar von einer Brückentechnologie, aber was wirklich gewünscht ist, sind Leistungen zur Systemstabilisierung. Also dass Gaskraft- werke dann Strom liefern, wenn kein Wind weht und keine Sonne scheint. Und auch hier schmelzen Zeit- und Preisfenster. Und die gegebene Infrastruktur muss man plötzlich mit weniger Geld erneuern. Geschieht das? Das ist nicht so klar.

Christoph Frei

war heuer auf Einladung des Verbunds einer der Redner auf der „Energy2050“, der wichtigsten Energiekonferenz Österreichs. Die Veranstaltung findet alle zwei Jahre in Fuschl bei Salzburg statt. Der 46-jährige Schweizer ist seit 2009 Generalsekretär des Weltenergierats. Er promovierte in Philosophie an der École polytechnique fédérale de Lausanne. Frei hat ein Diplom in Elektrischer Energietechnik und einen Master in Energiewirtschaft und -management, Ökonometrie und angewandter Ethik.

Der Weltenergierat

(World Energy Council, WEC) mit Sitz in London ist eine bei der UNO akkreditierte Organisation im Bereich der Energiewirtschaft. Dem WEC gehören rund 3.000 Mitglieder in über 90 Ländern an, darunter Energieproduzenten und Händler, Vertreter von Regierungen, Wissenschaftler und Nichtregierungsorganisationen.

(INDUSTRIEMAGAZIN 11 / 2015)

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