Atomkraft

AKW Philippsburg für immer abgedreht: 6 zentrale Folgen für den Markt

Dreieinhalb Jahrzehnte nach seiner Inbetriebnahme ist nun der Block 2 des Kernkraftwerks Philippsburg im Süden Deutschlands abgeschaltet worden.

Dreieinhalb Jahrzehnte nach seiner Inbetriebnahme ist nun der Block 2 des deutschen Kernkraftwerks Philippsburg nahe Karlsruhe abgeschaltet worden. Der Reaktor hatte ein Sechstel des Strombedarfs von Baden-Württemberg gedeckt und im Jahr 2018 knapp elf Milliarden Kilowattstunden Strom produziert.

Insgesamt ist die Bedeutung der Kernenergie für die Stromerzeugung in Deutschland deutlich zurückgegangen. Nach Angaben des Branchenverbandes BDEW kamen Atomkraftwerke 2019 auf einen Anteil von rund zwölf Prozent - im Jahr 2000 waren es 30 Prozent. Der Anteil der erneuerbaren Energien habe sich im gleichen Zeitraum von sieben auf etwa 40 Prozent erhöht.

1. Wie viele Atommeiler laufen in Deutschland jetzt noch?

Insgesamt sind in Deutschland noch sechs Atommeiler am Netz. Als 2011 der Atomausstieg beschlossen wurde, waren es deutschlandweit noch 17. Endgültig müssen alle bis spätestens 2022 stillgelegt werden. Im einzelnen: Brokdorf (Schleswig-Holstein) und Grohnde (Niedersachsen) sowie Block C im bayrischen Grundremmingen dürfen noch bis Ende 2021 Strom produzieren. Spätestens zum 31. Dezember 2022 müssen Isar 2 in der Nähe von Landshut (Bayern), der Meiler Emsland (Niedersachsen) sowie Neckarwestheim 2 (Baden-Württemberg) vom Netz.

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2. Drohen jetzt Stromengpässe?

Nach Angaben des Verbandes Kerntechnik Deutschland kommen fast zwölf Prozent des Stroms in Deutschland aus Atomstrom. Der muss spätestens bis zur Abschaltung aller Meiler ersetzt werden: durch Ökostrom, aber auch Kohle oder Stromzukäufe.

Mit Blick auf Baden-Württemberg sieht sich die EnBW gut vorbereitet. Der Energieversorger habe jahrelang Zeit gehabt, sich auf das Szenario vorzubereiten, und sein Portfolio längst entsprechend umgestellt, sagt ein Sprecher. "Der Import von Strom wird steigen", heißt es im Stuttgarter Umweltministerium - sei es aus anderen Bundesländern, aus Frankreich oder Österreich.

3. Wie steht es mit dem Rückbau der Kernkraftwerke?

Abschalten und sofort abreißen - das ist nicht erlaubt. Die Betreiber warten oft jahrelang auf die Genehmigung, erst dann darf zurückgebaut werden. An den meisten Standorten mit stillgelegten Reaktoren hat der Rückbau aber schon begonnen - und das dauert. Nach Auskunft von Betreibern wie RWE oder EnBW sind 15 bis 20 Jahre dafür nötig.

Im Südwesten werden derzeit drei von ehemals fünf Atommeilern zurückgebaut: Obrigheim seit 2008, Neckarwestheim 1 und Philippsburg 1 seit 2017. Der Rückbau des nun stillgelegten Blocks Philippsburg 2 soll demnächst in Angriff genommen werden, die Genehmigung liegt schon vor.

4. Wo kommen die ganzen abgebrannten Brennelemente hin?

In die dafür vorgesehenen Zwischenlager an den Standorten. Denn ein Endlager gibt es noch nicht. Die Suche danach ist in vollem Gange. In Philippsburg wurde 2007 ein Zwischenlager in Betrieb genommen, ebenso wie in Neckarwestheim. Dort lagern auch Brennstäbe aus Obrigheim, das kein eigenes Zwischenlager hat. Für die Zwischenlager ist inzwischen der Bund verantwortlich.

5. Was passiert mit dem anderen radioaktiv belasteten Abfall?

An den Standorten im Südwesten gibt es ein Reststoff-Bearbeitungszentrum (RBZ) und ein Standort-Abfalllager (SAL). Der Müll wird zunächst im RBZ so aufbereitet, dass ein Teil wieder auf Deponien gebracht werden kann. Schwach- bis mittelradioaktiv belastetes Material kommt ins Standort-Abfalllager. Dort bleibt es, bis das für diese Art Abfall vorgesehene staatliche Endlager Schacht Konrad in Salzgitter in Betrieb genommen ist.

6. Wird aus dem Gelände der zurückgebauten Meiler irgendwann eine "grüne Wiese"?

Die Nutzung der Fläche ist noch nicht geklärt. Auf dem Gelände in Philippsburg etwa soll ein riesiger Konverter entstehen. Dieses Umspannwerk ist der südliche Endpunkt der Gleichstromleitung Ultranet. Über diese Verbindung wird künftig Strom aus dem Norden Deutschlands bis in den Süden gebracht. (dpa/reuters/apa/red)

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