Klimaerwärmung

Agrarmarkt Austria: Klima erinnert mehr an Palermo als an St. Pölten

Die rasend schnell voranschreitende Klimaerwärmung verändert die Flächenverteilung in der heimischen Landwirtschaft. Die Witterung erinnere allzu "oft eher an Palermo als an St. Pölten", sagen Branchensprecher.

Standort Österreich Klimawandel Bodenversiegelung

Die heurige Getreideernte wird von der Agrarmarkt Austria (AMA) heuer ohne Mais auf rund 2,9 Millionen Tonnen geschätzt. Das sind um 10 Prozent mehr als voriges Jahr. Inklusive Mais erreicht die Prognose 5 Millionen Tonnen, ein Plus von 6 Prozent gegenüber 2018. Verschiebungen bei den Anbauflächen zeigen, dass die Bauern auf den Klimawandel reagierten. Die Getreide-Flächenverteilung ändert sich.

"Wir erreichen nach zwei trockenheitsbedingt geringen Ernten wieder eine Erntemenge auf Durchschnittsniveau. Die Qualitäten sind gut", sagte AMA-Vorstandschef Günter Griesmayr vor Journalisten in Wien. Bei einem wachsenden Inlandsverbrauch verringere sich der Importnettobedarf heuer leicht vom hohen Niveau des Vorjahres auf eine Million Tonnen.

Nicht zuletzt klimawandelbedingt habe es zum Teil große Verschiebungen bei den Anbauflächen verschiedener Kulturen gegeben. "Die Witterung hat schließlich oft eher an Palermo erinnert als an St. Pölten", sagte Griesmayr. Dafür ist man heuer offenbar wirklich gut davongekommen. Der kühle, nasse Mai hat die Getreideernte nämlich gerettet. April und Juni waren zu trocken und heiß. Hätte es nur kleine Unterschiede beim Wetter gegeben, wäre eine Katastrophe für die Getreidebauern nahe gewesen, sagte AMA-Verwaltungsratschef und Landwirtschaftskammer-Wien-Präsident Franz Windisch: "Wären der Mai und der April witterungsmäßig vertauscht gewesen, wäre nur Stroh geerntet worden. Ende April sind wir auf die Wasserversorgung bezogen mit dem Rücken zur Wand gestanden."

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Kein Wunder, dass sich die Anbauflächen klimawandelbedingt verändern. Es kommt zu Verschiebungen innerhalb der Getreideanbauflächen. Gewinner ist einerseits die trockenheitstolerante Wintergerste. Sie wuchs in den vergangen Jahren ausgezeichnet, so Griesmayr. Es gibt einen Flächenrekord vom mehr als 100.000 Hektar, eine Steigerung von rund 10 Prozent oder knapp 9.000 Hektar. Andererseits ist auch der Körnermais "Flächengewinner". Er ist mehr hitze- als trockenheitsresistent, wächst aber gut, wenn es zum richtigen Zeitpunkt regnet. Zuletzt stieg die Fläche um knapp 10.000 auf fast 212.000 Hektar.

Auch Sojabohnen wurden nicht zuletzt wegen des Klimawandels neuerlich auf einer größeren Fläche (69.000 Hektar, plus 2,3 Prozent) angebaut. Die Ölsaat ist damit schon die viertgrößte Kultur hierzulande. Österreich ist der fünftgrößte Sojaproduzent in der EU.

Umgekehrt hat die Sommergerstenfläche zuletzt einen Tiefststand erreicht. Sie wurde nur mehr auf knapp 36.000 Hektar angebaut. Das ist ein Einbruch von gut 23 Prozent oder fast 11.000 Hektar. 2015 war noch auf gut 64.000 Hektar Sommergerste angebaut worden.

"Der Klimawandel hält uns in Atem", sagte der Getreidebauer mit Feldern in Wien-Favoriten. Die Bodenfruchtbarkeit müsse auch durch Weiterentwicklungen gesichert werden. "Es geht um die Speicherfähigkeit von Wasser. Wenn es immer weniger Wasser gibt, braucht es neue Bodenbearbeitungsmethoden. Auch müssen Anbaumethoden forciert werden, die wassersparend sind." Themen seien Begrünungen, reichhaltige Fruchtfolgen, Achtsamkeit bei der Bodenverarbeitung, indem man etwa Verdichtungen vermeide, und die Anreicherung mit Humus. "Was wir etwa in Wien im Rahmen einer Branchenverpflichtung schon tun ist, dass von 1.800 Äckern ein Sechstel - das sind 300 - aus der Produktion genommen werden."

Glyphosat solle nicht gänzlich verboten werden, so restriktiv wie es in Österreich eingesetzt werde. Würde die EU widererwarten das heimische Verbot nicht kippen, wäre dies "bedauerlich". Bauern argumentieren damit, das Glyphosat helfe bei der Wasseraufnahmefähigkeit der Böden.

Neben dem Klimawandel reagieren die Landwirte auch auf Signale des Marktes, so Griesmayr. Daher ging die Weichweizenfläche - die flächenmäßig größte Getreidekultur - deutlich zurück. Sie betrug heuer 248.000 Hektar, um 10.000 Hektar oder knapp 4 Prozent weniger als 2018. Windisch sagte auch noch, dass die Bauern ihre Flächen wegen der klimatischen Veränderungen noch viel genauer beobachten würden als zuvor.

Derzeit zeigt sich laut Windisch innerhalb Österreichs ein sehr uneinheitliches Versorgungsbild mit Wasser bezogen auf die Kulturen wie unter anderen Mais, Soja oder Sonnenblumen, die im Herbst geerntet werden. Vor allem in Ostösterreich brauche es Regen.

Die Bio-Anbauflächen nahmen um gut 22.00 Hektar auf fast 183.000 Hektar zu. Der Bioflächen-Anteil beträgt somit laut AMA 20 Prozent.

Zur Mäuseplage auf Äckern in Teilen der niederösterreichischen Bezirke Mistelbach und Gänserndorf, aber auch zu einer Engerlingplage in Teilen Oberösterreichs und Salzburgs sagten die AMA-Vertreter, dass es kleinräumig "apokalyptisch" ausschaue. Hier werde das Umbruchverbot für die Äcker aufgehoben. "Fraßschäden sind nicht versicherbar." Eine solche Versicherung fordern derzeit betroffene Bauern laut ORF-Niederösterreich. (apa/red)