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IM-Expertenpool: Automobilindustrie

Agile Prinzipien in der Automobilindustrie – vom Silodenken hin zur integrierten Organisation

Die Automobilindustrie steht vor einem Paradigmenwechsel: Unternehmen müssen sich zu Tech- und Mobilitätsunternehmen wandeln, die wendig und anpassungsfähig sind. Agile Prinzipien und eine multidisziplinäre Organisationsaufstellung helfen dabei.

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Ob bei Personal oder neuen Geschäftsideen: Tesla-Gründer Elon Musk fackelt nicht lange. Eine Eigenschaft, die ihm viel Kritik einbringt, ihn gleichzeitig aber auch zu einem der erfolgreichsten Unternehmer unserer Zeit macht. Doch das Unternehmen fällt vor allem deshalb aus dem Raster, weil sich die Produktionsweise der Fahrzeuge grundlegend von denen der europäischen Automobilindustrie abhebt: Während Tesla sich in einer multidisziplinären Organisation horizontal aufstellt und integriert arbeitet, also die Produktion von Soft- und Hardware selbst in die Hand nimmt, vernetzen sich europäische, insbesondere deutsche Autohersteller mit ihren Lieferanten vertikal. Sie vergeben passgenaue Aufträge an die Externen und binden sich damit an sie. Kurz: Sie sind abhängig von ihren Lieferanten und deshalb oft gehemmt, auf unvorhergesehene Ereignisse schnell und flexibel zu reagieren.  Dann heißt es: „Wir warten noch auf die Teile von Firma X“ und unzählige Ausreden folgen, warum gewisse Zwänge und Routinen eingehalten werden müssen.          

Voraussetzungen und Kundenwünsche ändern sich

Während es vor Jahren noch genügte, das Hauptaugenmerk nur auf die Hardware, nämlich das Fahrzeug selbst zu richten, erfordern neue, sich permanent verändernde Rahmenbedingungen ein Umdenken. Automobilunternehmen der Zukunft müssen sich einerseits zu IT-Unternehmen wandeln, weil der Softwareanteil an den Fahrzeugen stetig zunimmt. Andererseits verlangt die Digitalisierung eine andere Kundenansprache. So sprießen immer mehr Start-ups mit smarten Mobilitätslösungen aus dem Boden, die oft näher an den Kundenwünschen sind als viele traditionelle Hersteller – mit Car-Sharing-Angeboten oder Abo-Modellen etwa. Denn für sie ist schon lange klar: Das Auto, das nur für die Reise von A nach B dient, ist passé. Der amerikanische Unternehmer Tien Tzuo prognostiziert gar ein neues Auto-Abo-Zeitalter nach dem Vorbild von Netflix und Co. Der Wille bei den traditionellen Automobilunternehmen ist zumindest schon da: Erste Ansätze wie etwa das Carsharing-Angebot Share Now von Daimler und BMW ebnen den Weg zu modernen Geschäftsmodellen.

Weg von den Silos hin zur integrierten Organisation

Aktuell stehen die traditionellen Automobilunternehmen also vor der Herausforderung, ihren Premiumanspruch in die digitale Welt zu übersetzen und Produkte in der neuen Geschwindigkeit zu liefern. So ist es beispielsweise denkbar, dass Software- bzw. Infotainment-Aktualisierungen über eine Funkschnittstelle – sogenannte „Over-the-air-Updates“ – zum Standard werden. Voraussetzung dafür ist, dass die Software und Mobilitätsdienstleistungen nicht wie bisher noch oft von den anderen Unternehmensbereichen getrennt, sondern in einem vollständig integrierten Ökosystem entwickelt werden. Zudem sollte jedes Automobilunternehmen seine Kernkompetenz konsequent in den Software-Bereich verlagern.

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Wie gelingt der Paradigmenwechsel?

In der Praxis bewährt sich ein Zusammenspiel mehrerer Komponenten, das auf dem Prinzip multidisziplinärer, also fachübergreifender Teams beruht. Das Ziel ist, ein agiles Denken und Handeln in die Gesamtorganisation zu tragen.

Die Transformation geschieht dabei auf sechs Ebenen:

  • Führung & Werte

Aufgrund von Hyperspezialisierung sind entkoppelte Portfolios entstanden, die nicht am Kundenerlebnis ausgerichtet sind. Hinzu kommen hierarchische Strukturen, lange Entscheidungswege und Bürokratie. Die Lösung: Für die Skalierung werden neue Organisations- und Führungsmodelle aufgebaut, die sich am Kunden orientieren – etwa als Netzwerkorganisation.

  • Agile Rahmenwerke

Auf Portfolio- und Programmebene sorgen Rahmenwerke wie Scrum, Kanban oder OKR dafür, dass die Managementteams agil zusammenarbeiten, Werte vorleben und die Teams unterstützen. Sie helfen dabei, Prozesse zu visualisieren, Engpässe zu identifizieren und diese zu beheben. Auch die Zulieferer profitieren von agilen Prinzipien, etwa mit Hilfe von Lean Agile Procurement. Damit ist es möglich, Vergabeverfahren, die in der Regel Monate dauern, in wenigen Wochen – manchmal Tagen – abzuarbeiten.

  • Kundenorientierung & Produktentwicklung

Agile Entwicklung stellt den Endnutzer in den Mittelpunkt und schließt diesen in den Produktentwicklungsprozess mit ein. Das heißt, die Produktentwicklungsmethoden sind am Nutzer des Produktes ausgerichtet und sein Feedback wird laufend und möglichst früh eingeholt.

  • Fähig- und Fertigkeiten

Automobilhersteller sind Spezialisten im Bereich R&D und Produktionstechnik, aber nicht in der Entwicklung von Dienstleistungen und Services. Um wettbewerbsfähig zu bleiben, müssen sie sich als Softwareentwickler begreifen und sich die notwendigen Fähig- und Fertigkeiten aneignen bzw. fachlich geeignete Mitarbeitende finden.

  • Infrastruktur

Damit Teams intern und mit anderen unkompliziert und direkt kommunizieren können, sowie mit jenen Entwicklungstools ausgestattet sein, die sie tatsächlich benötigen, sollte das Management einen Rahmen schaffen, in dem dieses Arbeiten möglich ist.

  • Architektur

Eine moderne Produktarchitektur ist modular und flexibel aufgebaut. Zusätzlich benötigt das Unternehmen eine geeignete Kommunikations- und Organisationsstruktur. Dies führt im Ergebnis zu erhöhtem Kundennutzen und ermöglicht eine durchgängige Nutzererfahrung.

Boris Gloger ist Gründer und Geschäftsführer der Managementberatung borisgloger professionals in Wien. Er berät international agierende Unternehmen in agilem Veränderungsmanagement.