Abfallwirtschaft

Abfallwirtschaft: Polen will etwas gegen die "Müllmafia" tun

Polen sagt seiner "Müll-Mafia" den Kampf an: Auf den Deponien kommen Brände verdächtig häufig vor. Auch die Gesetze sind zu lückenhaft.

Abfallwirtschaft Polen Justiz Hintergrund China

Rauchschwaden steigen über einer illegalen Müllhalde in der zentralpolnischen Stadt Zgierz auf, alte Reifen stehen in Trzebin im Süden des Landes in Flammen, in Warschau sind es alte Möbel: Landesweit brennen in Polen so oft Abfall-Deponien wie kaum zuvor. In diesem Jahr habe es schon 85 solche Brände gegeben - und das sei besorgniserregend hoch, warnte das Umweltministerium.

Die Regierenden sehen Kriminelle der Abfallbranche am Werk. "Wir werden die Müll-Mafia verjagen", kündigte Regierungschef Mateusz Morawiecki an.Der Vorwurf: Banden würden sich an zum Teil rechtswidrigen Müllimporten bereichern. Für schnelles Geld werde der Abfall nicht vorschriftsmäßig gelagert und verwertet, sondern einfach verbrannt. "Zumindest bei illegalen Deponien kann man davon ausgehen, dass absichtlich Feuer gelegt wurde, um den Müll loszuwerden", erklärte das Umweltministerium. Die genauen Brandursachen würden aber noch untersucht.

Polen importiert im Jahr fast eine Million Tonnen aus Europa

Nach Angaben des Umweltschutzamts importierte Polen 2016 rund 951.021 Tonnen Müll aus Europa. Für Länder wie Deutschland, Großbritannien und Italien, die mit Abstand den meisten Abfall schicken, sind Lagerung und Verwertung dort oft günstiger. Sie sparen Geld, die Abfallindustrie in Polen verdient.

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Die Branche habe durch den Müllimport-Stopp Chinas ein noch größeres Geschäft gewittert, spekulieren polnische Medien. Das Gesetz trat 2018 in China in Kraft. Deutschland und Co. exportierten große Abfallmengen dorthin. "Es ist tatsächlich zu einem Stau an Ballenware bei den deutschen Sortierern und Recyclern gekommen, die Vertriebler in den Firmen haben aber andere Absatzmärkte finden müssen", sagt Roman Maletz vom Institut für Abfall- und Kreislaufwirtschaft der Technischen Universität Dresden. Die China-Exporte hätten sich vor allem in andere asiatische Länder wie Vietnam und Malaysia, verlagert, sagt er und merkt an: Es sei davon auszugehen, dass auch in Europa nach neuen Zielen gesucht wurde. Mehr dazu: China schränkt Importe von Abfall weiter ein >>

Auch Betreiber legaler Müll-Deponien in Polen stehen unter dem Verdacht der Brandstiftung. Mit Feuern könne schnell Platz für neuen Abfall geschaffen werden, zum Beispiel für jenen, der bisher nach China ging, erklären Umweltexperten. Eine legale Mülllagerung würde sich in dem Geschäft nicht lohnen, meinen unter anderem Aktivisten von der Organisation Eko Patrol.

Die Branche wehrt sich

Die Branche wehrt sich gegen die Vorwürfe. "Es ist ein Fehler, zu glauben, dass derzeit nur ausländischer und illegaler Abfall brennt und das Problem darstellt", sagt Agnieszka Fiuk, Direktorin des auf Abfallverwertung spezialisierten Unternehmens ATF Polska. "Es ist zum großen Teil unser eigener Abfall, der da brennt." Die Branche sei mit der seit Jahren wachsenden Menge des polnischen Mülls überfordert, sagt Fiuk. "Eine Importblockade wird Polens Müllproblem nicht lösen."

Schuld an den Bränden sind laut Fiuk nicht Brandstifter allein, sondern Polens lückenhafte Gesetze. Sie sieht die Regierung in der Pflicht. "Die erlaubten Lagerzeiten für Müll sind mit bis zu drei Jahren oft so lang, dass sich entzündliche Gase bilden und der Abfall von allein in Flammen aufgeht", sagt die Unternehmens-Chefin. Zudem werde nicht ausreichend kontrolliert, ob Müllimporteure überhaupt genug Geld haben, um den Abfall zu verwerten. Die Deponien würden mangelhaft überwacht. Daher wisse man gar nicht, was brennt.

Das wollen Polens Regierende schnell ändern. Sie arbeiten strengere Gesetze mit stärkeren Kontrollen von Müll-Importen, Überwachung der Deponien und kürzeren Lagerzeiten des Mülls aus. Für Menschen und Umwelt hatten die Müllbrände laut Fiuk aber bereits schwere Folgen. Nach Untersuchungen der Umweltschutz-Organisation Heal Polska entstanden giftige und stark krebserregende Stoffe, die die Polen nun einatmen. "Diese Schäden sind nicht rückgängig zu machen", sagt Fiuk.

(Von Natalie Skrzypczak und Jörg Winterbauer, dpa /apa/red)