Elektroindustrie

ABB-Chef im Interview: "Eine Phase des schweren Anhebens"

Der Schweizer Industrieriese ABB macht sich auf Gegenwind gefasst: Die Verlangsamung der Autoindustrie wirkt sich auf Robotik aus. Eine Aufspaltung sei derzeit nicht geplant, so Interimschef Peter Voser. Die Suche nach einem neuen Chef läuft weiter.

Der Schweizer Elektrotechnikkonzern ABB rechnet mit einem turbulenten Jahr 2019. "Es gibt deutlichen Gegenwind in einigen der Märkte, in denen wir tätig sind", sagte Peter Voser in seinem ersten Interview als Konzernchef der Nachrichtenagentur Reuters.

"Man sieht eine Verlangsamung im Automobilsektor rund um den Globus, die sich auf den Robotik-Markt auswirkt, und das werden wir auch irgendwann spüren", sagte er. Das Geschäft mit Kunden aus der Nahrungsmittel- und Getränkebranche wachse dagegen weiterhin. Doch auch der laufende Konzernumbau mit dem Verkauf des Stromnetzgeschäfts und weiteren Veränderungen im Geschäftsportfolio dürfte sich im Ergebnis 2019 niederschlagen. "Wir befinden uns in der "Heavy Lifting"-Phase", sagte Voser in dem Interview.

"2020 wird ruhiger, wir werden sehen, dass die vier Divisionen Verantwortung übernehmen und liefern", erklärte er weiter. Danach werde ABB gemessen an den Wettbewerbern weiter Boden gut machen. Die Verbesserungen dürften schneller kommen als viele erwarteten. Voser will den Einfluss der Konzernzentrale beschränken und den einzelnen Geschäften mehr Eigenständigkeit einräumen - wie das zuletzt Joe Kaeser bei Siemens vormacht.

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Dies soll auch die Profitabilität von ABB, das unter anderem Siemens zu seinen Wettbewerbern zählt, ankurbeln. "Das Erreichen unserer Ziele ist eine einfache Rechnung - wir müssen mehr Aufträge und Umsätze erwirtschaften und die Kosten kontrollieren." ABB habe sich auf der Kostenseite kontinuierlich verbessert, sei aber nicht genug gewachsen. Ein weiteres unternehmensweites Kostensenkungsprogramm werde es nicht geben.

ABB: Weitere Veränderungen zu erwarten

Voser stellte weitere Veränderungen im Konzernportfolio in Aussicht. Dazu gehörten Transaktionen wie die jüngst angekündigte Veräußerung des Solarwechselrichter-Geschäfts: ABB verkauft Solarwechselrichtergeschäft nach Italien >>

Insgesamt peile ABB Verkäufe von Unternehmensteilen mit kumulierten Umsätzen von bis zu drei Milliarden Dollar (2,7 Mrd. Euro) an - rund einem Zehntel des Gesamtumsatzes. Auf der anderen Seite wären kleine und mittelgroße Zukäufe sinnvoll, um die bestehenden vier Divisionen Elektrifizierung, Industrieautomation, Antriebe und Roboter zu stärken, sagte der Schweizer, der früher Shell-Chef war. "Ich spreche definitiv nicht von Mega-Deals." Zur Sparte Automation und Robotics gehört auch die oberösterreichische B&R.

Auch von der Abspaltung einer weiteren Division oder einer kompletten Aufspaltung des Konzerns, wie das etwa der aktivistische Investor Artisan fordert, will der 61-Jährige gegenwärtig nichts wissen. "Wir sind laufend dabei, das Portfolio zu analysieren, aber in diesem Stadium sieht der Verwaltungsrat keine Notwendigkeit, über das hinaus zu gehen, was wir dem Markt bereits vorgestellt haben."

Voser als vorübergehender Chef

Voser hatte Mitte April zusätzlich zu seiner Funktion als Verwaltungsratspräsident auch den CEO-Posten übernommen, bis ein dauerhafter Nachfolger gefunden ist.

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Voser wollte sich nicht in die Karten blicken lassen, bis wann er einen neuen Konzernchef vorstellt. "Aber was ich sagen kann: Bei der Suche sind wir dem Plan voraus." Trotz der großen Bedeutung der Digitalisierung komme der neue Chef oder die neue Chefin voraussichtlich aus einem Industrie-und nicht einem Software-Unternehmen und müsse auch nicht notwendigerweise Erfahrung als Konzernchef haben. Die Amtszeit des neuen Chefs müsse auf mindestens fünf Jahre angelegt sein. "Wenn man das Betriebssystem einschließlich der kulturellen Bestandteile eines Unternehmens ändert, dauert das drei, vier Jahre, bis man soweit ist."

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Als Verwaltungsratspräsident wolle Voser, der das Amt seit 2015 bekleidet, noch längere Zeit bei ABB bleiben. "Aber ich kann nicht vorhersagen, für wie viele Jahre." Er sei ein Befürworter von Fristen für Verwaltungsratsmandate von neun oder zehn Jahren, wie sie in Großbritannien oder den USA gelten würden. "Sie können sich nicht ständig neu erfinden, Ihnen gehen nach drei Konjunkturzyklen frische Ideen aus." (reuters/apa/red)

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