APRA 01.10.2015 09:28

Österreichs beste Geschäftsberichte

Aussagekraft, Transparenz, Klarheit und Design: Der AUSTRIAN PUBLIC REPORTING AWARD kürt alljährlich die besten Geschäftsberichte des Landes. Welche Unternehmen erzählten 2015 ihre Geschichte am besten - und am wahrsten?

Bild: Matthias Heschl

Die Worte mögen ein bisschen gewunden daherkommen, aber sie sind von geradezu entwaffnender Ehrlichkeit: "2014 war für uns kein Glanzjahr. Umsatz und Ertrag liegen unter dem – bereits niedrigen – Niveau von 2013", heißt es im ersten Absatz des Geschäftsberichtes des Grazer Maschinenbauers Binder + Co. Eine derartige Offenheit in den ersten Absätzen der wichtigsten Unternehmenspublikation hat selbst die Experten überrascht. Denn auch wenn sich die Qualität des Reportings heimischer Unternehmen in den letzten Jahrzehnten dramatisch verbessert hat – klare Aussagen und völlige Transparenz gehören noch immer nicht zu den Primärtugenden vieler Geschäftsberichte. Eine Analyse der Geschäftsberichte österreichischer Unternehmen zeigt: Es ist offenbar eine Kunst, Vollständigkeit und Verständlichkeit mit leichter Lesbarkeit und ansprechendem Design zu verbinden. "Es ist enttäuschend, dass viele Unternehmen noch immer an vermeintlichen ‚Pflichtaufgaben‘ scheitern – wie etwa einen vollständigen Abschluss zu veröffentlichen", sagt Rita Niedermayr-Kruse, Geschäftsführerin des Controller Institutes. Sie gehört einem Team von 18 renommierten Bilanz-, Finanzierungsund Kapitalmarktexperten an, das für den AUSTRIAN PUBLIC REPORTING AWARD, der alljährlich von INDUSTRIEMAGAZIN verliehen wird, rund 150 Unternehmensberichte unter die Lupe genommen hat. 

 

Evaluierung 

 

Die Evaluierung der Berichte erfolgte dabei in zwei Stufen: Zunächst unterzog ein Expertenteam rund um Rita Niedermayr-Kruse die eingereichten Geschäftsberichte einer detaillierten Basisanalyse. Dabei wurden diese auf Vollständigkeit und Aussagekraft überprüft. Jedes Dokument wurde auf mehr als hundert standardisierten Abfragen gecheckt. Gibt es eine Kapitalflussrechnung, existiert eine Eigenkapital-Veränderungsrechnung, sind die Geschäftssegmente nachvollziehbar gegliedert? Oder: Was versteckt sich hinter den sonstigen Aufwendungen bzw. Rückstellungen? Wie konkret ist der Ausblick? Doch diese Analyse stellte eigentlich nur die Pflichtübung dar. Die Spitzengruppen aus den Kategorien börsennotierte, nicht börsennotierte und Nonprofit-Unternehmen wurden dann der "Kür" unterzogen. Ein Team rund um Alois Wögerbauer (3 Banken Generali), Paul Severin (Verein für Finanzanalyse), Stefan Maxian (RCB) sowie Thomas Neuhold und Roman Eisenschenk (Kepler) unterzogen die Berichte dem Härtetest: Wie vollständig und klar sind die Angaben zu Strategie, Geschäftsmodell und Dividendenpolitik? Flankiert wurden die Finanzer von Fachspezialisten aus den Bereichen Aktionärsschutz (Wilhelm Rasinger), CSR (Michael Schaller), Corporate Governance (Viktoria Kickinger und Manfred Reichl) sowie Infografik (Christoph Eisl). Zu guter Letzt unterzog eine Jury rund um Börsenkurier-Herausgeber Marius Perger die Reports einem publizistischen Check. Es versteht sich von selbst, dass bei den Auswertungen der Juroren strikte Unvereinbarkeits-Regeln galten. So wurden etwa die Berichte der Erste Group und von Wienerberger nicht durch Kleinanleger-Schützer Wilhelm Rasinger (er ist in den Aufsichtsrat der beiden Unternehmen berufen) bewertet.

 

Fazit

 

Das Fazit der Experten ist durchwachsen: "Eine Vielzahl von Unternehmen haben die Qualität ihrer Berichterstattung im Vergleich zum Vorjahr weiterentwickelt", sagt Controller-Institut-Chefin Rita Niedermayr-Kruse. "Luft nach oben", hinsichtlich Transparenz und Aussagekraft sieht Christoph Eisl von der Fachhochschule Steyr. Er hat die Informationsgrafiken in den Geschäftsberichten genau unter die Lupe genommen. Gerade in diesem Bereich werden die Werte Klarheit, Korrektheit und Informationsdichte oft nicht ganz ernst genommen (Beispiele im Kasten „Optische Täuschung – enttäuschende Optik“). "Eine wirklich spannende Erkenntnis der diesjährigen Auswertung war für mich, dass nicht börsennotierte Unternehmen, denen keine Berichtspflicht auferlegt ist, tendenziell besser berichten als Börsennotierer", sagt Niedermayr-Kruse. Rühmliche Ausnahmen bestätigen dabei die Regel. Wie etwa der Siegerbericht in der Kategorie Börsenunternehmen: Aussagekraft, Klarheit, Transparenz und Design sind für die Juroren bei "Wienerberger presents ...", das von einem Team der Mensalia Unternehmensberatung erarbeitet wurde, unübertroffen. Eher inhaltlich überzeugen konnten die Post AG, Zweitplatzierter des AUSTRIAN PUBLIC REPORTING AWARD 2015 sowie die Vienna Insurance Group, die den dritten Platz abräumte. "Den beiden Unternehmen gelang es – wie übrigens auch der viertplatzierten AT&S – ihre Unternehmenskultur in den Berichten über die Darstellung ihrer Mitarbeiter zu transportieren", sagt Paul Severin von der Österreichischen Vereinigung für Finanzanalyse und Asset Management.

 

Corporate Governance 

 

Ebenso durchwachsen wie das Urteil der Finanzexperten fällt das Fazit des Corporate-Governance-Juryteams rund um INARA-Chefin Viktoria Kickinger aus: "In fast einem Viertel aller Berichte wird der elendslange Corporate Governance Kodex zitiert. Gleichförmig wiederkehrende Textmodule ersetzen dabei konkrete Aussagen. Bei der Formulierung kann man die Agentur erkennen, die den Bericht geschrieben hat", sagt Kickinger. Auf einen weiteren Schwachpunkt weist Aktionärsschutz-Juror Wilhelm Rasinger (Interessenverband für Anleger) hin: der Vergütungsbericht über die Gehälter der Vorstände. "Weil in diesem Bereich fast jeder individuell gestaltet wird, ist eine Vergleichbarkeit kaum gegeben", sagt Rasinger. 

 

Verantwortungsvolles Handeln

 

Immer professioneller wird die Darstellung der Corporate Social Responsibility (CSR). Damit wird der freiwillige Beitrag eines Unternehmens zu einer nachhaltigen Entwicklung, die über die gesetzlichen Forderungen (Compliance) hinausgehen, beschrieben. Positiv angetan ist das diesbezügliche Juroren-Team rund um Michael Schaller da besonders von drei Unternehmen: dem Energieversorger EVN, der VBV Vorsorgekasse und dem Salzburger Kranbauer Palfinger. "Bei EVN scheint CSR gelebt zu werden: Einem CSR-Konzernausschuss stehen ein CSR-Beratungsteam und für alle Bereiche eigene CSR-Verantwortliche gegenüber. Ähnliches gilt für die VBV", so Schaller. "Palfinger hat sich zum Ziel gesetzt, bis 2017 die Integration von Sozial- und Umweltstandards entlang der gesamten Wertschöpfungskette umzusetzen – das ist sehr ambitioniert", ergänzt der CSR-Experte.

 

Spannend auch, wie manche Unternehmen die Auswirkung ihres eigenen Handelns auf das Klima darstellen. Positiv bewertet wurde etwa der Bericht des Baukonzerns Strabag, der einen eigenen „CarbonTracker“ zur Quantifizierung der CO2-Emission enthält. Bei der Post wurde aus der Thematik sogar ein strategisches Ziel: "Die CO2-neutrale Zustellung". 

 

Publizistik

 

Ein absolutes Alleinstellungsmerkmal kann der Bericht der Merkur Versicherung für sich verbuchen. Dieser ist ausschließlich handschriftlich verfasst. „Sehr mutig und andersartig“, meint Christian Schölnhammer, Geschäftsführer von Brand +, dessen Team die Geschäftsberichte einem publizistischen Check unterzogen. Ebenfalls publizistisch herausragend bewertet wurde übrigens jener Geschäftsbericht, der mit ehrlicher Geradlinigkeit schon in den ersten Sätzen zum Punkt – den schlechten Geschäftszahlen – kommt: jener des Grazer Maschinenbauers Binder+Co. Das Fotokonzept in dem Report stellt Alltagsmaterialien den von Binder+Co-Maschinen produzierten Teilen gegenüber. Dass es der Report trotz alledem nicht in die Bewertungsspitze geschafft hat, liegt am Inhalt: Er war schlicht nicht vollständig.

 

Fotostrecke: Das war die Apra-Gala 2015